Herbstreise in die Ostslowakei

15. – 19. September 2010

Die diesjährige Reise der Seniorarchäologen  führte in die Ostslowakei. Standort für vier Tage war  die Stadt Košice (zu deutsch: Kaschau). Die Altstadt ist eine Gründung aus dem 13.Jhdt.Das Stadtbild prägt der imposante gotische Dom, der der Hl. Elisabeth geweiht ist. Das Innere der fünfschiffigen Basilika wird dominiert vom Hauptaltar, der zwölf Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth zeigt. Er stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert und ist mit insgesamt 48 erhaltenen Bildern einzigartig in Europa. Ebenso ist in diesem Gotteshaus erwähnenswert ein bronzenes Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert.

Ein kleiner Rundgang durch die Fußgängerzone  führte an schmucken Bürgerhäusern vorbei. An der Südseite des Domes befindet sich die Kapelle des heiligen Michael, eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Begräbniskirche. Unser Weg führte dann noch zum ältesten Sakralbau der Stadt, der Dominikanerkirche. Vorbei an der alten und der neuen Synagoge erreichten wir wieder den Hauptplatz, wo zahlreiche urige Lokale zum Verweilen einluden. Einige von ihnen wählten wir dann an den folgenden Abenden aus, um uns an slowakischen Spezialitäten zu delektieren. Košice  ist auch der Geburtsort des Grafen Gyula von Andrássy, dessen Namen wir im Verlauf unserer Reise noch öfter hörten. Übrigens ist Kosice auch Kulturhauptstadt 2013.

Der erste Tag (16.09.) war dem Gebiet der „Zips „ gewidmet. Mit  Schwerpunkt Zipser Burg und der zugehörigen Provinzhauptstadt Spišská Kapitula. Die Zips (Spišs) gehört zu den schönsten und vielgestaltigsten Landschaften der Slowakei. Sie erstreckt sich südlich und südöstlich der Hohen Tatra. Geprägt ist sie von mit Nadelwäldern bewachsenen Bergrücken und Hügeln – ein permanentes Grün.

Die Zips ist ausgezeichnet durch eine große Zahl historisch bedeutsamer Städte. Vorerst aber folgten wir dem etwas ansteigenden Weg zur Zipser Burg. Mit ihren gewaltigen Ausmaßen beherrscht sie die Landschaft. An ihren Ausläufern thront der Dom zu Spišská Kapitula. Repräsentierte die Burg das Zentrum weltlicher Macht, war Spišská Kapitula das geistliche und kulturelle Zentrum der damaligen Zeit. Dank Denkmalschutz und Denkmalpflege ist die Burg der Nachwelt erhalten geblieben und kann besichtigt werden.

Bei einer Führung durch die Burganlage wurde vom turbulenten Geschehen um diese Burg berichtet, unter anderem 1241 der Einfall der Tartaren. 1249 wurde die Existenz der Zipser Burg erstmals in einem Dokument schriftlich erwähnt. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde um die Burgakropolis die erste Burgmauer errichtet, und an der höchsten Stelle der romanische Palast und der heutige Turm. Der romanische Palast ist ein mächtiges Burggebäude und zählt zu den wenigen noch erhaltenen romanischen Profanbauten. In diesem Palast wohnte der Verwalter des ungarischen Königs. Das Gebäude erfuhr im Lauf der Zeit viele Umbauten, dabei wurde aber der romanische Charakter stets beibehalten. In diesem Bereich befindet sich auch eine gotische Kapelle, die der heiligen Elisabeth geweiht ist. Sie stammt aus der Zeit, in der die Burg bereits der Familie Zápolsky gehörte.

Hier wurde auch der spätere ungarische König Janos Zapolya (Jan Zápolsky) geboren. Dieser verlor jedoch den Kampf um den ungarischen Thron gegen Ferdinand von Habsburg und damit auch den Besitz der Zipser Burg. Die letzten Burgbesitzer war das Geschlecht der Czaky, dem sie bis 1945 gehörte. Im mittleren Bereich der Burganlage ist ein kleines Museum eingerichtet. Es zeigt unter anderem die der damaligen Zeit entsprechenden Waffen, Rüstungen und allerlei Kriegsgerät. Beim Abstieg kamen wir dann auch an einer kleinen Küche mit entsprechendem Inventar vorbei. Die Zipser Burg zählt zu den größten Burganlagen Europas und gehört heute zum Weltkulturerbe. Archäologen fanden heraus, dass das Gebiet der Zips vom Paläolithikum  bis heute beinahe ununterbrochen besiedelt war. Dass hier im 10. u. 11. Jahrhundert Menschen  mit hohem kulturellem Niveau  lebten, zeigt sich in der Tatsache, dass die ältesten erhalten gebliebenen Teile der Burg  hohen architektonischen Ansprüchen  entsprachen.

Vom weltlichen Machtbereich führte nun der Weg zu einem wahrhaften Meisterwerk sakraler Baukunst, dem Dom  von Spišská Kapitula. Ein Teil der Kathedrale entstand schon  in der ersten Hälfte des  13. Jahrhunderts, davon zeugen die romanischen Türme und das Portal. In der zweiten Hälfte  des 15. Jahrhunderts wurde der Sakralbau  durch ein Sanktuarium im gotischen Stil erweitert. Das Innere birgt viele Kunsthistorische Kostbarkeiten: Altarschrein hl. Drei Könige aus dem 15. Jahrhundert, Altar „Tod der Jungfrau“ um 1470, ebenso den „Leo Albus“, der weiße Löwe, eine romanische Plastik.

Eine ebenfalls historisch bemerkenswerte Stadt ist Levoča, unser nächstes Ziel. Seit jeher schon war diese Stadt Kultur- und Handelsmittelpunkt der Zips. Der für seine wunderbaren Holzplastiken in aller Welt bekannte  Meister Paul (Pavel) von Levoča hatte hier seine Werkstatt. Er gehört mit seinen Meisterwerken zu den erlesensten  Künstlern der europäischen Gotik. Meister Paul hinterließ der Stadt Levoča viele seiner prachtvollen Meisterwerke. Epochal ist sein wohl eindrucksvollstes Werk, der Hauptaltar in der Kirche des hl. Jakobus in Levoča. Es handelt sich dabei um den höchsten gotischen Altar der Welt (18,62 m hoch). Der Hauptaltar ist zwanglos in die Architektur des Gotteshauses integriert und beherrscht das ganze Sanktuarium. Ihn zieren die überlebensgroßen Statuen der Madonna und der beiden Apostel Jakobus und Johannes. Die Predella zeigt das letzte Abendmahl (einer der Apostel ist eine Selbstdarstellung des Meisters). Das Gotteshaus strahlt in seiner Gesamtheit an kunstvoll geschnitzten und gemalten Altären und gut erhaltenen Fresken eine Atmosphäre der Ehrfurcht und Freude am absoluten Schönen aus.

Die Weiterfahrt führte dann durch ein Gebiet, das in ethnologischer Hinsicht dem Siedlungsbereich der Roma zuzuordnen ist. Die aus einfachen Häusern und Hütten bestehenden Dörfer wirkten auf uns ein wenig bedrückend, aber die sich auf der Strasse tummelnden Menschen winkten uns fröhlich zu. Unser nächstes Ziel war ein schmuckes kleines Kirchlein auf einer Anhöhe des Städtchens Žehra. Trotz ihrer Kleinheit ist der strahlend weiße Bau mit schwarzem Zwiebelturm von einiger Bedeutung. Der Baustil der Kirche gibt nämlich ein ausgezeichnetes Beispiel für den Übergang der Romanik hin zur Gotik. Das Innere der Kirche ist unglaublich eindrucksvoll durch seine reichhaltige Ausschmückung mit gut erhaltenen Fresken, die Themen des alten und neuen Testaments beinhalten. Eine gotische Madonna dominiert den holzgeschnitzten Hauptaltar. Die unscheinbare Kirche selbst ist dem heiligen Geist geweiht und gehört heute zum Weltkulturerbe.

War der vorhergegangene Tag, der  Kunst und Architektur gewidmet, führte uns der nächste (17. 09.) in die Landschaft der Südslowakei  zu der Eishöhle Dobšiná. Sie befindet sich auf dem Gebiet des slowakischen Nationalparks im Karst  von Zips und Gemer. Der Eingang der Eishöhle liegt auf dem Nordhang des Berges Duca. Da leider Regenwetter herrschte, war der steile Anmarsch nicht jedermanns Sache. Daher begab sich ein Teil unserer Gruppe nicht in die eisigen Tiefen der Eishöhle und blieb lieber in der Wärme einer urigen Jausenstation zurück. Jene aber, die die Höhle besuchten, wussten  nach ihrer Rückkehr Interessantes zu berichten: Dieses Naturphänomen  wurde 1870 von einem Bergbauingenieur  gefunden und  bereits ein Jahr später zur Besichtigung freigegeben. 1887  wurde die Eishöhle mit elektrischem Strom versehen. Mit einer Eisausfüllung von über 110.130 Kubikmetern zählt sie zu den bedeutendsten  Eishöhlen der Welt. Die Eisschicht  hat im `“großen Saal“ die größte Dicke (26,5 m). Die feinen Schichten im Boden deuten auf den Wechsel unterschiedlicher Eisbildung hin. Die Höhle ist 1232m lang aber nur 475m davon sind öffentlich zugänglich. Der Höhenunterschied  zwischen der höchsten und tiefstliegenden Stelle beträgt 110 Meter.

Eine etwas heimeligere Atmosphäre umgab uns  etwas später im Schloss der Grafen Andrássy in Betliar. Wir besichtigten die mit kostbaren Bildern, Möbeln und Teppichen ausgestatteten Räumlichkeiten. Musiksalon und Bibliothek  gaben Einblick in das kulturelle Leben. Ein Raum mit präparierten Tieren –Jagdbeute aus aller Herren Länder – zeigte vom Interesse an Reisen in ferne Länder. In der Genealogie  der Grafen von Andrassy (einem der bedeutendsten Adelshäuser in Ungarn) sind  zwei Persönlichkeiten  besonders hervorzuheben: Gyula Graf Andrássy erwirkte  von Kaiser Franz Joseph I.  den sogenannten Ausgleich in der ungarischen Verfassung. Etwas später bekleidetet er dann das Amt des ungarischen Außenministers.

Die zweite Persönlichkeit ist  Dionysius Graf Andrássy. Er war der letzte Eigentümer  der mittelalterlichen Burg Krásna Hôrka. In den Gemäuern der Burg richtete er ein kleines Museum ein. Beim Besuch der Burg konnten wir daher  eine Sammlung historischer Möbel, eine Waffensammlung  und die Sammlung verschiedenster Bronzegegenstände bewundern. Die Attraktion der Burg ist aber zweifellos der gläserne Sarg  der mumifizierten Sophie Seredy, der Gattin eines der Burgerben.

Für seine Gattin ließ Dionysius Graf Andrássy  ein Mausoleum  unweit von Betliar errichten. Das Grabmal  aus Marmor im Jugendstil errichtet  steht in einer Parkanlage. Das Innere birgt zwei  weiße Sarkophage, eine wunderbare Steinmetzarbeit, besonders faszinierend die kunstvoll gearbeiteten Engelsdarstellungen an den jeweils oberen Ecken der Sarkophage. Die Kuppel des Mausoleums ist in leuchtenden Farben mit Allegorien und Szenen aus dem Leben der Adeligen bemalt.

Der nächste Tag (18.09) war dem Besuch zweier mittelalterlicher Städte gewidmet. Das erste Ziel war die Stadt Prešov. Die historisch bedeutende Altstadt wird am Hauptplatz dominiert von einer spätgotischen Hallenkirche, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist. Im Inneren der dreischiffigen Kirche befinden sich zahlreiche kunstvoll gestaltete gotische Altäre. Prešov ist noch heute Sitz des Metropoliten der griechisch katholischen Kirche der Slowakei. Es lohnte sich daher auch, den Sakralbau dieser christlichen Religionsgemeinschaft mit seiner schönen Ikonostase zu besuchen.

Ein ganz besonderes Juwel in städtebaulicher Hinsicht erwartete uns in der nächsten Stadt – Bardejov. Nach Bewältigung einer steilen Treppe, erreichte man das Niveau der alten Stadtmauern mit ihren gut erhaltenen weithin sichtbaren Türmen. Ein nahezu atemberaubender Anblick bot sich beim Betreten des im Sonnenlicht erstrahlenden Hauptplatzes. Den rechteckigen mit Flusssteinen ausgelegten Platz säumen schmucke Bürgerhäuser. Inmitten steht das ehemalige Rathaus, ein mächtiger Bau aus dem 16. Jahrhundert.

Monumental dazu erhebt sich im Norden des Platzes die Pfarrkirche zum heiligen Ägidius (1247). Das Innere der dreischiffigen gotischen Basilika birgt nicht weniger als 11 spätgotische Flügelaltäre. Der schönste und künstlerisch bedeutendste davon ist der Holzschnitz-Altar „Geburt des Herrn“. Im Altarschrein ist die Geburt Jesu dargestellt, die Predella  zeigt die „Anbetung der Könige“. Der einzige Tafelflügelaltar der Kirche ist der Altar des heiligen Andreas. Besonders schön gestaltet ist auch der Altar der heiligen Elisabeth. Mittig steht eine prachtvoll geschnitzte Skulptur der Heiligen. Die Malereien der Altarflügel haben Szenen aus ihrem Leben zum Thema. Imposant in ihren Ausmaßen ist auch die Statuengruppe „Golgotha“ unter dem Triumphbogen. Auf dem Trägerbalken steht ein 8 Meter hohes Kreuz mit einer Spannweite von 5 Metern und dem 3 Meter großen Körper des gekreuzigten Christus. Nach dem eindrucksvollen Kunstgenuss in der Sankt Ägidiuskirche  folgten wir unmittelbar an der Stadtmauer einem kleinen Gässchen und kamen  an der Synagoge und an der sich in unmittelbarer Nähe befindlichen griechisch katholischen Kirche vorbei.

Unweit der mittelalterlichen Stadt Bardejov liegt der Kurort Bardejovske Kupele. Er hatte in der Monarchie große Bedeutung und wird auch heute noch als Kurort genützt. Im sich gleichfalls hier befindlichen Freilichtmuseum wird anhand von rekonstruierten kleinen Holzhäuschen, auf die handwerkliche und bäuerliche Tätigkeit  unterschiedlicher Ethnien hingewiesen. Auf dem Gelände befinden sich auch zwei Holzkirchen, die beide der Orthodoxie zuzuordnen sind, und einfache bunte Ikonostasen enthalten.

Das Original einer Katholischen Holzkirche fanden wir dann im nahegelegenen Hervartov. Die um 1500 entstandene Kirche ist dem heiligen Franz von Assisi geweiht. Im Inneren sind die Wände mit gut erhaltenen Fresken versehen, die durchwegs Szenen aus dem alten und neuen Testament zeigen.

Unsere kleine Exkursion, die mit vielen Superlativen (höchste, schönste, größte, usw.) aufzuwarten hatte, bot uns einen, wenn auch kleinen, kulturell aber sehr vielseitigen, Teil des guten alten Europa. Am 19.09. verließen wir Košice, naturgemäß erfüllt mit vielen neuen Eindrücken, in Richtung Wien, mit einem kurzen Zwischenstopp im schönen Budapest.

Unser Kollege János plante und organisierte diese Reise wieder einmal aufs Beste und war, wie immer, kompetent in historischen Fragen. Unser Kollege Carlo erfüllte souverän den Part des Finanzministers. Beiden ein herzliches Dankeschön.

Christine Prillinger, eine von den Zwillingen