GRABUNG 2008 in Unterlaa

 Mit Ungeduld erwartete mancher Seniorarchäologe wieder den Beginn der Grabung in Unterlaa, nachdem 2007 Pause war. Am 1.9.08, einem Montag mit bestem Wetter, war es dann soweit, dass die Interessierten das Grabungsfeld östlich der zuletzt bearbeiteten Stelle unter der Leitung von Mag. Martin Penz  in Angriff nahmen. Der erste Anblick war bereits sehr interessant, als kurz vorher im Juli der Bagger die Humusschicht zur Gänze entfernt hatte und die helle Löss-Schicht mit vielversprechenden Einsprengungen im Sonnenlicht strahlte. Der Boden wurde von einigen Freiwilligen schön abgezogen und das Ausgräberherz schlug beim Anblick eines Hausgrundrisses von ca. 7 x 7 m höher. Ebenso waren eine große Grube nebst einigen kleineren und zwei Bombentrichter sowie das Eck eines dritten im Gelände gut sichtbar. Auch etliche Pfostenlöcher von Gebäuden aus römischer Zeit traten zutage. Martin zeigte uns den schönsten seiner Erstfunde nämlich eine rote größere Scherbe mit Rand von einem römischen Krug.So begann am Morgen des 1.9. die angesagte Grabung mit zwei Teams und einigen Einzelkämpfern. Beim Hausgrundriss war vor allem interessant, wie tief der Keller auszuheben war, er könnte auch metertief sein. Wie sich nach den ersten Spatenstichen herausstellte, war er nicht allzu tief; am Rand nur etwa 20 cm, gegen die Mitte des Gebäudes ging das Niveau auf ca. 40 cm hinunter. Im ersten Eck und nachher in regelmäßigen Abständen erschienen erste Gruben bzw. Pfostenlöcher vom Gebäude. Diese werden erst nach dem endgültigen Abziehen des plattigen Stampflehmbodens weiter bearbeitet, bis man deren tiefsten Punkt erreicht. Zum Unterschied von früheren Grabungen im Geländebereich nebenan, welche eher fundarm waren, ist im Humus der Kellerausfüllung reichlich Fundmaterial mit auch ansehnlicher Größe einzelner Stücke zu verzeichnen. Spaten, Schaufel und Kelle brachten zu unserer Freude klassische Gefäßränder, Wand- und Bodenstücke ans Tageslicht. Neben gröberer schwarzer Keramik von beachtlicher Wandstärke – eher bronzezeitlich  – war die römische aus der ersten Besiedlungsphase Ende des 1. Jhdt. – Beginn 2. Jhdt. vorhanden. Neben einigen Scherben von Terra sigillata kamen auch Sonderfunde in Form eines Fragments eines Bronzeschmuckreifens, einer fein bearbeiteten beinernen Haarnadel (wahrscheinlich abgebrochen) und in der großen Grube ein ca. 8 cm langes schmales Steinbeil – verlagerter Fund aus dem Neolithikum oder der Bronzezeit? – zutage. Weiters fand man zwei Amphorenhenkel, welche es nahe legen, dass das Gebäude Vorratszwecken diente. Die üblichen Schweine-, Rinder- und Pferdeknochen bzw. –kiefer fanden wir reihenweise. Diese Fundstelle kann als weiteres Beispiel für die vorher ergrabenen Gebäude aus der Holzbauphase dieser provinzialrömischen Streusiedlung gelten.Zu Mitte September setzte länger andauernder Regen ein, welcher die Grabungsarbeiten wochenlang unterbrach. Der einzige Trost war hier, dass die Strukturen im Nieselregen besonders gut zu erkennen waren und auf die weitere Arbeit daran Lust machten. Die fortgeschrittene Grabungsarbeit am Haus ergab an den beiden Seitenwänden je vier Stellen mit teilweise sehr tiefen Pfostenlöchern ( bis ca. 75 cm! ) und in der Mitte je einen Firstbaum am Ost- und Westende.

Des weiteren sind an der Nord- und Südwand Abdrücke von Pfosten im Lössboden zu erkennen, was zu der Vermutung führt, dass es sich um eine Art von Blockhaus gehandelt hat; eventuell war noch ein Stockwerk oder Dachboden eingezogen, da die Bauweise sehr massiv erscheint. Die Verfüllung wurde aus vorhandenen Müllhaufen des 3. und 4. Jahrhunderts gespeist, als das Haus als unbrauchbar abgetragen wurde. Auch einige Bruchstücke von Mühlsteinen wurden gefunden, die durch die ganz andere Gesteinsart gleich auffallen (kein lokaler Kalksandstein).

Die große Grube im Nordosten des Gebäudes wurde zur Hälfte ergraben, sie ergab relativ sehr wenig Fundmaterial außer dem beachtlichen verlagerten neolithischen Steinbeil. Gegen Ende der Grabung wurde noch die genaue Tiefe der Grube ergründet; die zweite Hälfte wurde nicht mehr ausgeräumt. Es wird angenommen, dass es sich hier um eine mittelalterliche Senkgrube handelt, die später einfach zugeschüttet wurde. Die ziemlich seichten Pfostenlöcher am Grabungsgelände wurden alle untersucht und ergaben keine besonderen Funde – oft nur Steine und Ziegelsplitt.

Eine Grabungsstelle ist noch beachtenswert, obwohl den Fachleuten nicht klar ist, worum es sich handelt: eine kreisrunde Grube von ca. 3 m im Durchmesser ergab keinen besonderen Fund außer seltsamen Eisen- und Textilresten, die unser Grabungsleiter Martin entdeckte. Am letzten Tag der Grabung beauftragte er den Verfasser dieses Berichts mit dem Freilegen der zweiten Grubenhälfte, welche nur mehr ca. 10 cm tief zu gehen schien. Beim vorsichtigen Abgraben der Schicht tauchten immer mehr dunkle Textilreste mit verrosteten Speichen kombiniert auf. Das konnte keinesfalls etwas sehr Altes sein; es ist ein gewöhnlicher Regenschirm, der hier am Boden der Grube wahrscheinlich über 100 Jahre schlummerte, bis er wieder kurz ans Tageslicht durfte. Der Schirmbezug war schwarzblau – die Farbe kam am Digitalfoto besonders gut heraus – und der Metallteil, welcher einige Tage vorher von Martin bereits geborgen wurde, musste der Rest des Schirmgriffes gewesen sein. Diese lustige Freilegung war der Schlusspunkt der diesjährigen Grabungstätigkeit des Verfassers und wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Nachdem diese Grube mit einer Art bogenförmigem „Schützengraben“ an der Seite (Funde neuzeitlich spät) verlassen wurde, wurde noch das Profil der großen Grube fotoreif gemacht und aufgenommen, wonach wir die Grabung für heuer endgültig verließen.

Wir Seniorarchäologen können der Wiener Stadtarchäologie dankbar sein, dass uns diese Grabungsmitarbeit wieder so gut ermöglicht wurde; speziellen Dank sprechen wir unserem geschätzten Grabungsleiter Martin aus, welcher uns stets geduldig und nett durch die Arbeit geführt hat, wovon wir in unserem Hobby sehr viel an Erkenntnis und Erlebnis profitierten.Es ist zu hoffen, dass es in den nächsten Jahren wieder Forschungsgrabungen geben wird, und es klingt für 2009 bereits der Wiener Ortsteil Aspern (ehem. Flugfeld) an.

Gerhart Maier, Sen.Arch.