Fahrt zum Magdalensberg (Mai 2006)

Zum schwungvollen Frühjahrsbeginn unternahmen etwa zwei Dutzend Seniorarchäologen eine zweitägige Autobusfahrt nach Kärnten, um an Ort und Stelle bauliche Reste und Funde von der Romanisierung Norikums aus der Zeit um Christi Geburt herum zu besichtigen. Am  03.05.2006 steuerten wir unter der Führung unseres Janos Rudas das Klagenfurter Landesmuseum an, wo wir uns auf Kommendes in einer reichhaltigen Schau ab prähistorischer Zeit einstimmten. Nebenbei durchstreiften einige die Innenstadt, um dem berühmten Lindwurm ihre Reverenz zu erweisen. Im Museum ist übrigens der Schädel eines eiszeitlichen Wollhaarnashorns zu bewundern, der in Kärnten vor längerer Zeit gefunden wurde und die Quelle der Lindwurmsage sein soll. Unser Hotel „Plattenwirt“ wurde im Westen Klagenfurts nur etwa 50 Meter vom Wörtherseeufer entfernt von uns bezogen und fand allgemeine Zustimmung. Hinter dem Hotel ist noch ein echter Gletscherschliff zu sehen; einige ähnliche wurden im Laufe der Zeit gesprengt und abgeräumt.
Am Nachmittag hatten wir freie Gestaltungsmöglichkeit. Einige erkundeten die unmittelbare Umgebung wie MINIMUNDUS, das wunderschön bis in die letzte Ecke ausgebaut ist mit den interessantesten Modellen von historischen Bauten und Anlagen. Viele fuhren mit dem öffentlichen Bus in die Stadt, nachdem sie sich gestärkt hatten. Am Morgen nach dem reichhaltigen Frühstück ging es mit dem Bus weiter zum berühmten Magdalensberg, dessen Ausgrabungen manche von uns schon in den Anfängen (Grabungsbeginn 1948) erleben konnten. Derzeit wird noch immer stellenweise gearbeitet; durch die Verwitterung sind auch fortlaufende Arbeiten notwendig. Es soll hier versucht werden, für alle jene, die nicht mitkommen konnten und allgemein zur Erinnerung einiges aus dem erhältlichen Führer zu erwähnen.
Im Osten des Zollfeldes erhebt sich der Magdalensberg mit einer Höhe von 1058 m. Früher Helenenberg genannt, da die alte Kirche aus dem 12. Jh. – später auf spätgotisch umgebaut – Helena, der Mutter Konstantins d. Gr., geweiht ist. Neben ihr wird aber die populäre Magdalena verehrt. Im Jahr 1502 pflügte ein Bauer auf einer Südterrasse nahe dem Gipfel und legte dabei die lebensgroße Bronzestatue des Jünglings mitsamt einer schildförmigen Weiheinschrift frei; der erste bedeutende Fund in der frühen Neuzeit, der bekannt wurde. Die teure Weihegabe wurde von zwei Freigelassenen in der ersten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. gestiftet und stellt eine römische Idealplastik nach griechischen Vorbildern des 5. u. 4. Jh. v. Chr. dar.
Erst 1986 wurde festgestellt, dass das vermeintliche Original im KHM in Wien eine Kopie aus der Mitte des 16. Jh. ist; das Original ist zweimal in Spanien im Schloss Aranjuez 1662 und 1786 erwähnt worden, ab 1850 jedoch verschollen. Später zeigten die Funde eines Bronzegreifs und Bronzepferdes an, „dass es mit dem Berg etwas auf sich hat“.
Bei Ausgrabungen Mitte des 19. Jh. durch den Geschichtsverein für Kärnten war man der Meinung, dass es sich hier um eine Villenkolonie der römischen Provinzhauptstadt Virunum handelt. Heute weiß man durch genauere Datierung und entsprechende Funde, dass der Magdalensberg offenbar Alt-Virunum war und nur ca. 100 Jahre, und zwar von 50 v. Chr. bis  etwa 50 n. Chr. bestanden hat und auf  kaiserliche Anordnung in die Ebene an der Glan abgesiedelt wurde. Schon 170 v. Chr. bestand zwischen Rom und  dem Königreich Norikum ein Gastfreundschaftsvertrag (hospitium publiam), welcher es römischen Händlern erlaubte, freien Handel in Norikum zu treiben, während norischer Stahl (kein gewöhnliches Eisen) und Gold aus den Tauern nach Italien exportiert wurden. Die norischen Kelten bevölkerten erst seit dem 3. Jh. v. Chr. die südalpine Region. Für Rom galt das Oberhaupt des Norikerstammes, der offenbar so mächtig war, dass er auch die anderen Stämme der Region beherrschte, als Hegemon, daher die Bezeichnung  regnum Noricum für das ganze Gebiet. Jeder Stammesfürst durfte jedoch seine eigenen Münzen prägen, was wieder von einer gewissen Selbstständigkeit zeugte. Am Höhepunkt des Norikerreiches 50 v. Chr. muss schon ein Heiligtum am Magdalensberg bestanden haben, das besondere Bedeutung hatte; der Zuzug römischer Händler war daher logisch bis hin zum Emporium (Markt) für den römischen Import in den südlichen  Ostalpenraum. Die Gebäude dieser ersten Periode waren zum Großteil noch aus Holz, die Zuwanderung erfolgte hauptsächlich aus dem Raum Aquileia. Man nimmt an, dass die gallischen Kriege Julius Cäsars auch die unmittelbare Ursache des Händlerzuges gegen Nordwest war, um Nachschub für die Truppen zu organisieren.
Ein Forum mit 110 m Länge und 42 m Breite wurde angelegt, im Osten davon eine Marktbasilika 30 x 17 m. Im Westen sind teilweise in die Erde bebaute Tabernen und Wohnhäuser ergraben worden, weiters ein feines Badegebäude mit drei Sälen. Diese Gesamtanlage im italischen Stil besitzt aus der Zeit 50 v. Chr. bisher keine Parallele im inneren Ostalpengebiet.
Naturgemäß folgten weitere Gebäude mit oft aufwändigen Innenausstattungen (Wohnbereiche). Ritzinschriften und Geldbeuteletiketten sowie Rechenmarken weisen auf etliche italienische Handelsfirmen und den Großhandel mit beiderseits speziellen Produkten wie auch verschiedene Praktiken des römischen Bankgeschäfts hin. Es muss eine Händlerzunft und eine pseudomagistratische Marktverwaltung gegeben haben. E. Schindler-Kaudelka hat eine Statistik aufgefundener Gefäßfragmente angelegt. In rund 16 Häusern wurden 19247 Tonscherben gefunden, davon sind 12869 von importierter Ware aus arretinischen und padanisch-oberitalienischen Werkstätten. Die 6378 Stück einheimischer Produktion ergeben daher ein Verhältnis von  2:1  für die Importware.
Italienische Baumeister und Kunsthandwerker bedeuteten auch vielfältige kulturelle Impulse für die ostalpine Region. Ergraben wurde ab 1948 auch ein mächtiges und repräsentatives Befestigungswerk auf dem Gipfelplateau aus ca. 20 v. Chr., einer Zeit als die wahre Macht des Norikerreiches bereits im Schwinden war, denn die Provinzgründung erfolgte bald danach 16 v. Chr.
Die Händlerbauten im Bereich der Gipfelhänge waren innen vielfach bemalt. Eine künstlerisch vollendete Wanddekoration war ein Freskenkomplex im ausgehenden zweiten pompejanischen Stil (um 20 v. Chr.) mit Heroinenfiguren, vielleicht zu den Bacchen des Euripides. Weiters wurden Bruchstücke von zwei szenischen Bildern mit mythologischen und bukolischen Motiven gefunden. Die Händler müssen sowohl reich als auch hoch gebildet gewesen sein. Porträtbüsten norischer Frauen und Grabsteine zeigen die Anteilnahme Einheimischer an den importierten Kulturgütern.
Später blühte die provinzial-römische Kultur im Ostalpenraum so richtig auf. Östlich des Siedlungszentrums lagen Werkstätten für Buntmetallverarbeitung, eher Messing als Bronze, welche der Produktion von Fibeln, Gürtelschnallen und sonstiger Trachtendetails für den regionalen Bedarf dienten.
Um einen freien Rücken für die geplante Offensive gegen das freie Germanienzu erhalten, wurde das Alpengebiet zuerst unterworfen, wobei dies im regnum Noricum fast ausnahmslos friedlich ablief, während die Räter und Vindeliker erst nach schweren Kämpfen eingegliedert werden konnten. Die Bergsiedlung wurde nun zum politischen Mittelpunkt des besetzten Ostalpenraums, quasi die erste Hauptstadt auf später österreichischem Gebiet. Eine zweite Bauphase begann, welche bis in die claudische Zeit anhielt. Außerdem soll ein Erdbeben zwischen 10 und 20 n. Chr. etlichen Wiederaufbau und Ausbau verursacht haben.
Im Westteil entstand das praetorium in basilikaler Bauform sowie ein angeschlossenes Versammlungshaus mit mächtigem Tribunal, also der Sitz der römischen Verwaltung. Die östliche alte Händlerbasilika wurde abgetragen. In tiberischer Zeit begann der Bau an der Nordfrontmitte des Forums. Aus der tetrastylen Fassade sollte später eine sechssäulige Fassade werden, der Tempel konnte jedoch nicht mehr fertig gestellt werden.
Im Nordosten blieb noch Raum für das Händlerviertel. Auf Grabinschriften ist eine Abteilung der legio VIII Augusta aus Illyrien sowie Soldaten der Cohors Montanorum I bezeugt. Im Osten wurde ein Doppeltor errichtet, und die Straße führte an nunmehr neuen Wohngebäuden zum Forum. Aufgrund zahlreicher Bruchstücke von Monumentinschriften, welche Frauen aus der Familie des Kaisers Augustus gewidmet sind, nimmt man an, dass in Verbindung mit dem Kaiserkulttempel der norische Landtag – Conventus Noricum – hier feierlich abgehalten wurde.
Im Südwesten entstand ein großes Bad mit allen klassischen Räumen neben einer Küche, Bäckerei und Speiseräumen. Am östlichen Südhang entstanden große Wohnhäuser auch doppelgeschossig mit bis zu 150 m2 Wohnfläche. Etwa 3000 Personen lebten zu dieser Zeit auf rund 3 Quadratkilometern.
Unsere Führung wurde vom Grabungsleiter Dr. H. Dolenz durchgeführt und sie war ziemlich ausführlich. Wir begannen im Ostteil bei prächtig gefüllten Vitrinen mit Keramik von Importware bis lokaler Produktion,  Depotfunden von Keramik und ungebrauchten Eisenwaren (Meißel etc.), sogar Schiffsnägeln und allen erdenklichen Gebrauchsgegenständen. Das praetorium mit Tribunal und die bescheidenen Fundamentreste des Podiumstempels wurden erklärt. Das anschließende Repräsentationshaus, wahrscheinlich das ältere Bad, wurde in Augenschein genommen. Es enthält ebenso kostbare Vitrinen mit Keramik , wunderschönen Glasfunden und einer Barrenform aus der örtlichen Goldschmelze mit der Spiegelinschrift des wenig beliebten Kaisers Caligula, dem das Tauerngold persönlich zukam. Den Südwestteil konnten wir betreten und kamen an den Resten von einfachen Unterkünften vorbei an den Rand der Terrasse, von wo einer guter Ausblick nach oben und unten gegeben war. An der ansteigenden Gipfelstraße beginnend war auf Stützmauern ein über den Hang vorspringender weitläufiger Bau errichtet, der besonders im unteren Teil wie eine Burg erscheint. Dort befanden sich nämlich die Räume der kasernenartigen Goldschmelze, einer Produktionsstätte mit offensichtlichem Hochsicherheitstrakt. Oben befand sich ein luxuriöses sechsräumiges Bad mit Eingang von der Straße. Es ist das älteste mit Wandheizung ausgestattete Bad nördlich der Alpen. Neben den üblichen Heizanlagen (Westseite) gibt es die erwähnte Bäckerei, große Küche mit Bratofen und mehreren Herdstellen. Aus einem Becken im oberen Gelände wurde in Bleirohren das Wasser für Küche und Bad geleitet. Gegen Süden hin folgt ein großes unvollendetes Peristyl. Über eine schmale Stiege gelangte man auf eine tiefer liegende Terrasse, darauf drei gleichartige Quartierräume mit Öfen und Terrazzoböden. Der gesamte Komplex ist ein herbergenartiger Bau aus tiberisch-claudischer Zeit. Von dieser Terrasse aus blickt man gegen Süden auf die „Kaiserliche Goldschmelze“, welcher burgartiger Komplex auf drei Terrassen aus zum Teil zweigeschossigen, zumeist langrechteckigen Gebäuden mit Firsthöhen von bis zu 15 m bestand. Die norische Goldschmelze wurde unter Caligula (37 – 41 n. Chr.) angelegt und ist eine einzigartige Fundstelle im ganzen römischen Imperium. Hier wurden neben zwei Goldbarrenformen auch 50 bis zu 50 kg schwere Bergkristalle aus den Hohen Tauern gefunden. Die schon erwähnten einfachen Unterkünfte gruppieren sich im Eingangshof. Hier werden die Goldschmelzer gewohnt haben, eher wie in einer Kaserne, die nur von überprüften und streng bewachten Personen betreten werden durfte. Über Holzstiegen waren blockhaft angeordnete Goldschmelzöfen in rund 13 m hohen Räumen zu erreichen; es wurden 19 Schmelzöfen freigelegt und sind unter Plexiglas gut sichtbar. Mit neuesten Untersuchungsmethoden wurden in den Ofenmänteln Goldspuren bestätigt und metallurgische Untersuchungen der Schlacke ergaben als Ursprung des Goldes die Gasteiner Tauern.
Gegen Südosten wurde eine Lagerhalle samt tresorartigem Nebenraum (Thesauros = „Tresor“) ergraben. Hier lagerte wahrscheinlich neben Gold kostbare Ware und zwar wurden mehr als 50 Amphorenfragmente für Wein, Olivenöl und Fischsaucen angetroffen. Oberhalb gelangte man in einen feinst ausgestatteten Raum (Apsis, Mosaike, Wandmalereien), welcher das officium (Verwaltungsgebäude) der Goldschmelze sein könnte.
Dieser Bericht soll nur einen Eindruck dieser reichen und aufschlussreichen Grabungsstätte geben und soll anregen, diese unbedingt zu besuchen.
Nachdem wir uns im Grabungshaus über die Broschüre um € 5,– gestürzt hatten, welche auch diesen Ausführungen zu Grunde liegt, hatten wir die Gelegenheit, das Amphitheater Virunum mit Busfahrt zu besichtigen.
Virunum ist die Nachfolgesiedlung des Magdalensberges, liegt an der Glan im Zollfeld und wurde bekanntlich beim Awaren- und Slawensturm  591 n. Chr. zerstört. Ausgrabungen fanden bereits gegen Ende des 18. Jh. statt.  Das Amphitheater liegt etwa 30 m über dem Niveau der Stadt auf einer Anhöhe im Ostteil. Jahrhunderte lang wuchs der Wald über dieses Areal; demnächst wird auch ein Kultbau dem Boden entrissen werden. Am Theater arbeitete man bereits 1898 – 1901; 1935 wurde der Befund wieder bestätigt, 1998 fand eine große Ausgrabung statt. 2001 stellte man große Erosionsschäden fest, sodass seit 2004 eine Restaurierung im Gange ist, die das ehemalige Erscheinungsbild wieder auferstehen lassen soll.
Erbaut wurde das Amphitheater in der 1. Hälfte des 2. Jh. n. Chr., und es diente auf der künstlich angelegten Terrasse Gladiatorenspielen, Tierkämpfen, militärischen Paraden und Übungen sowie allen Arten von Feiern. Es ist eine Anlage mittlerer Größe mit rundherum zwei Mauerreihen und Radialmauern für Holztribünen mit einem Fassungsraum für etwa 3000 Besucher. Im Osten befand sich ein Nemesis-Heiligtum, das von den Gladiatoren frequentiert wurde. Derzeit wird an der Westseite der Rest eines unterirdischen Ganges freigelegt, der rekonstruiert werden soll und welcher für die Gladiatoren als Zugang zur Arena über eine Stiege vor der Ehrenloge diente. Ein Nord- und Südtor mit ausgeklügelten Zugängen zu den Tribünen waren vorhanden. Benützt wurde das Amphitheater bis ins frühe 4. Jh.  Die Zeiten wurden schlechter, und man begrub die Weiheinschrift und den Opferaltar am Platz.
Gegenwärtig arbeitet man mit Landesförderung bis 2007/8 intensiv an der Rekonstruktion (AMS-Förderung mit bis zu 40 Personen). Begleitgrabungen erfolgen an der Westseite, und es gibt auch umfangreiche Publikationen von früheren Grabungen. Das Endstadium soll die Erschließung für Publikumsveranstaltungen sein, mit Holztribünen wie in der Spätantike und einem Museumsbereich.
Unsere Busfahrt ging weiter nach Maria Saal mit Besichtigung der bekannten doppeltürmigen Wallfahrtskirche samt bedeutender Innen- und Außenausstattung (Römersteine, Grabsteine).

Ma. Saal war der Ausgangspunkt der Christianisierung der Karantaner Slawen und wurde 765 geweiht. Von 799 bis 845 bestand ein Salzburger Chorbistum und seit 1117das erste Kollegiastift Kärntens (laut Großer Brockhaus). Nach einer Stärkung im örtlichen Gasthaus „Zum Sandwirt“ waren wir wieder auf Achse in Richtung Wien, alle voller interessanter und schöner Eindrücke.
Unser großer Dank gilt wieder einmal unserer Wiener Stadtarchäologie besonders im Hinblick auf den großzügigen Zuschuss zu unseren Reisekosten, weiters allen Organisatoren, insbesondere unserem stets rührend um uns besorgten Janos Rudas.

Gerhart Maier, Sen.Arch.