Reise nach Nordost-Ungarn (September 2005)

Die Seniorarchäologie Wien bereiste im September 2005 mit einem Bus fünf Tage das nordöstliche Ungarn um Miskolc mit interessanten alten Burgen, Schlössern, Kirchen, einer Riesenhöhle und archäologischen Rekonstruktionen.

Am ersten Tag (12.9.05) wurde die schöne Stadt Eger (Erlau) besucht mit ihrer zum Großteil abgetragenen Burg, wo noch die Grundrisse der alten Kathedrale mit Königsgrab und einer Kapelle zu besichtigen sind. Von den Mauern hat man einen schönen Ausblick auf die ehrwürdigen, schön restaurierten alten Gebäude der Stadt.

Nach kurzem Mittagessen mit Kaffee in einer Konditorei ging es weiter nach Feldebrö zu seiner einzigartigen arpadenzeitlichen Grabkirche (Hl.Martin) aus dem frühen 11. Jh. (Geschlecht Aba). Ursprünglich waren vier kreuzförmige Kirchenschiffe mit Zentralraum vorhanden, welche von einer österreichischen Adelsfamilie in die heutige Langschiff­kirche mit alter Apsis umgebaut wurden. Besonders interessant ist die von den Türken verschont gebliebene Unterkirche, welche im 16. Jh. abgemauert und Jahrhunderte unauffindbar war. Fresken sind teilweise noch erhalten. Gegenüber dem Altars führte bis 1972 ein Mittelabgang über die Grabstelle von Samuel Aba (1044 ermordet). Heute sind wieder der alte Abgang rechts offen und die Abmauerungen total beseitigt. An der Außenseite der Kirche sind die querseitigen Apsidenfundamente sowie zugemauerte gotische und romanische Fenster und Türen gut zu erkennen.

Nach dieser Besichtigung bezogen wir in Miskolc Tapolca (Vorort) unsere Zimmer im Hotel Park.

Am zweiten Tag (13.9.05)  stand vormittags die Besichtigung der gesprengten Burg von Diosgyör am Programm. Im 14. Jh. von König Ludwig Karl (dem Großen) im gotischen Stil erbaut, hatte die Burg vier Ecktürme mit 50 Zimmern und einen Rittersaal. Später diente sie als Königinnensitz und wurde im 18. Jh. gesprengt. Die vielen Wildknochenfunde zeigen, dass die Burg als Jagdschloss diente. Ab 1530 (Türkenzeit) wurden die Kasematten (dreistöckige Kanonenbastion) erbaut. In einem Lagerraum für Knochenfunde ist zu Souvenirzwecken eine Handmünzprägeeinrichtung vorhanden.

Um die Mittagszeit wurde Tokaj angefahren, wo zuerst eine kleine Ortsführung zur Sisi-Brücke (nach Kaiserin Elisabeth‑Besuch) stattfand und nachher zur unvermeidlichen Weinkost geladen war. Es wurde uns die Weinproduktion sämtlicher Sorten von trocken bis sehr süß genau erklärt und zu einem improvisierten Imbiss je eine Weinprobe gereicht.

Trotz anfänglicher Verzögerungen herrschte dann gute Stimmung und viele von uns nahmen ein oder mehrere Fläschchen Tokajer mit.

Dritter Tag (14.9.05): Abfahrt nach Aggtelek zur Baradla‑Höhle (Weltkulturerbe). Diese Tropfsteinhöhle entstand vor 2,5 Mio. Jahren, ist 25 km lang und reicht mit 5 km in die Slowakei. Fantastische Tropfsteingebilde im Kalkstein, unterirdische Seen. Kleiner Rundgang dauerte ca. 1 1/2 Stunden. Viele natürliche Gebilde aus Tropfstein wurden mit Namen versehen wie: Kanzel, Uhu, Nikolaus, Orgeltasten, Petöfi-Sarg, Szechenyi‑Turm etc. In einem weiten Höhlenabschnitt befindet sich ein Konzertsaal mit prächtiger Tropfsteinkulisse und einer teilweise betonierten Bühne bzw. Podium. Wir lauschten einer kurzen Vorführung von Orchestermusik (aus Columbus) und einer der bekanntesten ungarischen Opernarien „Heimat“. Beim Höhlenausgang befindet sich ein Campingplatz mit Bungalows.

Nach dem Mittagessen in Jósvafö ging die Fahrt zur röm.-kath. Kirche am Hügel von Tornaszentandrás, wo uns der örtliche Pfarrer zur Führung schon sehnsüchtig erwartete, da wir uns ein wenig verfahren hatten. Diese arpadenzeitliche Kirche wurde ca. 1150 ursprünglich quadratisch erbaut, hat eine seltene romanische Zwillingsapsis (weiteres Beispiel in Süditalien: Castellano) und hatte zuerst eine Kuppel, welche beim gotischen Um‑ und Zubau im 13. Jh. abgebrochen wurde. Eine Apsis der Nationalheiligen Anna, die zweite St. Andreas (Dorfheiliger) geweiht. Interessante teilweise ungeklärte Fresken aus der Gotik, einige Konsekrationskreuze von der Kirchweihe sind zu sehen, ebenso ein Barockaltar seitlich aus dem Nachbarort; im Kirchenraum nachempfundene bemalte Kassettendecke und die Empore aus dem 17./18. Jh. mit oberungarischer (=slowakischer) Bauernbarockmalerei.

Danach führte der Weg nach Szalonna (benannt nach landnehmendem Fürsten) zur dortigen Rotundenkirche (heute reformiert) aus der 2. Hälfte des 9. Jh., wo im 12./13. Jh. an das viereckige Kirchenschiff romanisch frühgotisch angebaut wurde. Am Kircheneingang interessanter Original-Tympanon (=bogenförmiger Teil über Türsturz): 3 Halbkreise ungeklärt und darunter romanische Spiralen (Symbol der Ewigkeit bzw. Anfang und Ende). Bedeutende Fresken aus dem 11. Jh. in der Apsis mit Ornamentband von Hirschgeweihen (Legende der ungar. Landnahme ‑ auch auf Silber- und Goldarbeiten. Triumphbogen mit Lamm und zweimal drei Propheten, seitlich hl. Maria v. Antiochien 13. Jh., Holzempore 1777 mit Bauernmalerei, Kanzel holzgeschnitzt und reich bemalt aus 1801 mit vergoldetem Pelikan (Christussymbol) als obersten Abschluss, Abendmahlstisch aus Stein und goldbestickter roter Samt als Traditionsausstattung der reformierten Kirche.

Schloss Edelény wurde am Rückweg außer Programm kurz vor dessen Torschluss besucht und eine Kurzführung absolviert. 1716 ‑ 30 vom Geschlecht L’Hulliers erbaut und 1763/4 von Esterhazy umgebaut, ist es das siebentgrößte Schloss Ungarns. Die Richtung Park zeigenden Seitenflügel bedeuten französischen Einfluss. Zimmer mit Fresken von Schlachten‑ und Jagdszenen, Stuck und Kachelöfen in Rokoko. Ab dem 19. Jh. an Sachsen‑Coburg, aber nur als Gerichtsgebäude verwendet, 1910 Umbau, ab 1920 an ungarisches Justizministerium, heute noch im Staatsbesitz. Einmalig sind schwarze Fensterstürze, die von der trauernden Witwe L’Hulliers veranlasst und nicht mehr geändert wurden.

Vierter Tag (15.9.05) Führung durch die Rákóczi‑Burg in Sárospatak. Der älteste Teil, der Rote Turm, wurde von den Perényi’s, berühmten lokalen Gutsherren, im 16. Jh. erbaut. Das Haupttor ist im Renaissancestil erhalten, das Kellergeschoß diente als Sicherheitsraum mit Brunnen, Kühlgrube, Lebensmittel‑ und Waffenlager (110 Hakenbüchsen im 17. Jh.) mit einem rundum laufenden Wehrgang (hier wurden ausgeklügelt die Beine der Feinde beschossen). Im Erdgeschoß befand sich das „Verwalterhaus“ mit mehreren Fensternischen, die heutigen Möbel stammen aus anderen Schlössern und Burgen aus der gleichen Zeit. Ein Raum der Wache mit offenem Kamin, Abort und vermauerter Stiege erscheint noch heute ganz wohnlich. Im ersten Stock unter einem Rundum‑Wehrgang war die Schatzkammer, welche später in eine Kapelle umgebaut (17. Jh., röm.‑kath.) und bis 1944 von den letzten adeligen Besitzern Windischgrätz verwendet wurde. Im zweiten Stockwerk befindet sich der Rittersaal oder „Großer Palast“ genannt mit einer kleinen Bühne für Vorträge. Ein großer Lederstuhl deutet an, dass hier Rákóczi seine Getreuen um sich zu Beratungen versammelt hatte. Bereits 1656 wurde durch seine Mutter Zsuzsánna Lorántffy eine Kanonenterrasse erbaut, deren große Last durch ein starkes Gewölbe mit riesigen Pfeilern, welche alte Fresken verdecken, getragen wird. Sehr beeindruckend ist auch die rekonstruierte Wandfliesenstube im zweiten Stock mit liebevoll restaurierten Fliesen aufgrund der gefundenen Reste. Die Verfliesung wurde rundherum ergänzt mit farblosen Fliesen, aber mit nachgezeichnetem Granatapfelmuster; auch ein Kachelofen aus dem 17. Jh. wurde rekonstruiert. Der Turm hat seine Bezeichnung „Roter Turm“ von seinem ursprünglich spitzen Lärchenschindeldach. Auch die vier Beobachtungstürme an den oberen Ecken, von denen einer wie das Dach selbst durch Beschuss zerstört wurde, waren mit Schindeln gedeckt (1656).

Vom Rundgang der Terrasse hat man einen schönen Ausblick auf den Fluss Bodrog und die Stadt. Wir besichtigten auch die neueren Flügel im Renaissancestil mit einer gut erhaltenen. schönen Bibliothek aus dem Anfang des 19. Jh. und eine elegant rekonstruierte Renaissanceküche, wo heute für stattfindende Kongresse sogar Speisen elektrisch gewärmt werden können. Tief beeindruckt fuhren wir zur Mittagspause in die feine Konditorei Heitzmann.

Nachmittag stand ein Gustostück auf dem Programm, der Archäologiepark von Kisrozvágy. Auf einem sanften Hügel mit Baumbestand wurde eine Arpadensiedlung mit einigen Dörfern ergraben, in deren Mitte ihr Fürst seinen Sitz hatte. Man rekonstruierte damalige Gebäude wie Gruben‑, Block‑ und Weidenwandhäuser sowie Jurten, welche begehbar und bis ins Detail eingerichtet sind. Eine Reitvorführung mit gezieltem Bogenschießen fand großen Anklang; wir konnten auch Bogenschießen ohne Pferd auf Scheiben probieren, hier wurden die meisten Aufnahmen gemacht. An erstaunlich guten Rekonstruktionen konnten wir bewundern: Töpfe mit waagrechten Streifenmustern und Wellenmuster, Zaumzeug, Köcher für Pfeile und Bogen, Taschen und Riemen mit Beschlägen als Rangabzeichen, Sättel mit Silberschmuck, Knochenschnitzerei und Lederverschnürung. Ein Schamanenstock mit Eidechsensymbol und Vogelschnitzerei (Seelenvogel) erinnert an die „Teufelsgeige“ unserer Alpengegenden. Die Jurten wurden nach der Landnahme in einer Übergangszeit von den Alten noch lange verwendet, da ein festgemauertes Gebäude für sie ungewohnt und wie ein Gefängnis gewesen wäre. Uns wurde eine kleine Herde Mangalica‑Schweine, eine berühmte Kreuzung des Bakony-Schweines mit einer serbischen Rasse, vorgeführt. Diese„neue“ Rasse hat 70 % Fettanteil am Gesamtgewicht, heute eigentlich überholt.

Der Betreuer erzählte uns von seinem Experimentalritt von 130 Tagen aus dem Kamagebiet, wo die Urahnen der Ungarn auszogen, in die Gegend von Nordostungarn. Der Ritt wurde über 4.500 km mit einem einzigen Pferd pro Person geschafft, das sind ca. 35 km pro Tag, mit Ruhetagen alle sieben Tage über 40 km täglich!

Emsig wie wir waren, besichtigten wir an diesem Tag auch noch die alte Kirche von Karcsa aus dem Ende des 11. Jh. Sie wurde als Rundkirche mit einem Umfang von nur 8 m Durchmesser erbaut, im Innern mit sechs gewölbten, halbkreisförmigen Nischen gegliedert. Der Ziegelbau war einst mit einer hexagonalen Kuppeltrommel mit Laterne gekrönt, ganz im byzantinischen Stil der Ostkirche. Die Johanniter bauten die Kirche im ausgehenden 12. Jh. mit viereckigem Schiff, geleibtem Portal und dekorativer romanischer Ornamentik an der Westfassade um, daher die starken französischen und lombardischen Einflüsse. Ursprünglich wollte man auf eine dreischiffige Kirche mit Westturm umbauen, was der Mongolensturm (1241) und der Besitzerwechsel dann verhinderte. Ab 1282 war das Dorf im Besitz des Geschlechts der Baksa. Diese schufen die Verbindung des Rundbaus als Altarraum mit dem heutigen Langschiff.

Seit 1527 ist die Kirche mit einigen Unterbrechungen im Besitz der Kalvinisten, verfiel im 17. Jh. immer mehr. Bei der Wiederherstellung 1767 wurde die Rotunde überwölbt, der Triumphbogen umgebaut, das Dach mit Schindeln gedeckt und am Nordende des Giebels ein kleines Holztürmchen für die Glocke angebaut, welches 1873 mit der Kirche gänzlich abbrannte. 1896 kam es zur Renovierung nach Entwürfen von Architekt Frigyes Schulek, welcher einiges Altes rettete, aber auch viel Wertvolles entfernte. Zwei Bündelpfeiler sind aus der Zeit des ersten Umbaues Ende des 12. Jh. gut erhalten, der nördliche zeigt ein Kapitell mit Blattmotiven, der südliche zusätzlich eine betende Figur und zwei kämpfende Gestalten (eventuell das Schisma von röm.-kath. und orthodox) 1964‑65 erfolgte die archäologische Aufarbeitung durch Vera G. Molnár, worauf 1967‑69 die Wiederherstellung durch Arch. Judit Nagypál mit leider ungünstig wirkenden Betonträgern im Langschiff erfolgte. Kunsthistorisch ist das Westportal (spätromanisch) das Wertvollste mit zwei Tierfiguren links und rechts oberhalb des Portalbogens.

Am fünften Tag (16.9.05) war an Abschied zu denken. Wir verließen zeitig früh unser Hotel Park und fuhren ca. 60 km weit in den Nationalpark Hortobágy zwischen Theiß und der Stadt Debrecen gelegen, wo wir erstmals in dieser Woche eine echte Pußtalandschaft vor uns hatten. Erst durch etliche Be‑ und Entwässerungskanäle konnte im Laufe der Jahre das sumpfige Gebiet in Weideland und für den Anbau von Getreide, Reis und Futterpflanzen nutzbar umgewandelt werden. Wir waren im Gestüt Mátai Mènes für Besichtigungen und Vorführungen angemeldet. Zuerst ging es mit Planenwagen und Pferden hinaus ins Gelände zu uns schon bekannten Mangalica-Schweinen. Wasserbüffel aus Südasien wurden bereits vor Jahrhunderten in Ungarn eingeführt und eignen sich z.B. unersetzlich gut für den Reisanbau. Sie müssen spätestens nach sechs Stunden in eine Suhle, um die Haut anzufeuchten, sonst bricht ihr Kreislauf zusammen. Neben dieser kleinen Herde ist eine Herde von Jungochsen zu sehen. Diese werden von Muttertieren mit Kälbern getrennt gehalten, damit es zu keinen Reibereien kommt. Jedes „Öchslein“ muss in einen Ausbildungslehrgang, um das Ziehen von Wagen zu lernen, d.h. auch auf alle Kommandos zu achten. Dann erst bekommt er den Titel „Ochse“. Es war ein richtiger Foto‑ und Videotag für uns, denn nun kamen wir zu den Vorführungen: Alle Personen in landesüblicher Tracht, u. zw. ein Hirte mit Hund, ein sechsspänniges Ochsenfuhrwerk mit Leiterwagen, ein Eselkarren, verschiedene Reitvorführungen der Hirten, besonders eine „Troika“ mit angeschirrten zwei Pferden, auf denen der Reiter schließlich stand und die Pferde im Trab und endlich Galopp um uns kreisen ließ; sehr beeindruckend für uns Städter. Liegende und sitzende Pferde mit Peitschengeknalle durften auch nicht fehlen. Die blauen Blusen und Pluderhosen mit schwarzen Gilets und Stiefeln ließen mit dem weiten Horizont dahinter die Zeit vergessen, in der wir heute leben. Auf der Rückfahrt begegneten wir einer Herde von Zackelschafen, einer urtümlichen Rasse aus Asien mit gedrehten geraden Hörnern und roten Gesichtern. Ihre Wolle ist nicht so fein wie die des heute am meisten vorkommenden Merinoschafes und wird nur grob versponnen. Nach der Besichtigung von Pferdeställen und vorsichtigem Streicheln der Tiere wurde die Töpferei mit ihren diversen Fertigprodukten besichtigt, wo man günstig einkaufen konnte.

In einer echten Csárda, in der bereits der Nationaldichter Petöfi verkehrte, wurde sodann das Mittagessen eingenommen, und wir waren sehr zufrieden mit der ausgezeichneten Qualität der Speisen, dem günstigen Preis und der raschen Bedienung. Eine nicht engagierte, d. h. nicht von uns bestellte Zigeunerkapelle spielte einige Zeit auf. Man hielt uns aber irrtümlich für unsere deutschen Nachbarn, denn es wurden Lieder von der Waterkant bis zum Rhein neben Csardas gespielt. Das machte aber nichts mehr aus, und wir traten gestärkt den gar nicht kurzen Heimweg mit unserem geplagten Buschauffeur an.

Wir danken wieder einmal unserem Reiseleiter Janos Rudas und seinem Team (Carlo Kandler und Christine Faltus) für ihre perfekte Leistung ganz herzlich auch auf diesem Wege und haben viele Kenntnisse erworben und Anregungen für fernere Ungarnreisen bekommen. Für nächstes Jahr ist eine Fahrt die Gegend von Hotmésövásárely geplant.

Gerhart Maier, Sen. Arch.

21.10.2005