Reise nach Aquincum (April 2005)

Wie geplant unternahmen die Interessierten unserer Seniorarchäologie mit ihrem bewährten Reiseleiter Janos Rudas gegen Ende April eine zweitägige Busfahrt nach Budapest, um dort römische Überreste zu besichtigen. Die beiden Tage wurden voll genützt, und die erste Station war Aquincum im Bezirk Obuda (Alt‑Buda) nördlich des heutigen Stadtkerns mit seinem interessanten römischen Museum. Die exakte Lage dieser römischen Provinzhauptstadt wurde erst im 18. Jh. erkannt. Von da an wurde Aquincum zum archäologisch besterforschten Landesteil Ungarns. In der zweiten Hälfte des 1. Jh. n.. Chr. standen Roms Reiter­truppen vor dem Oppidum auf dem Gellértberg, dem Stammeszentrum der keltischen Eravisci. Da den Römern befestigte Höhensiedlungen stets ein Dorn im Auge waren, wurden die Bewohner einfach in die Nähe der Militärlager von Albertvalva und Obuda umgesiedelt und der Limes zügig ausgebaut. Auf der Ostseite der Donau begann hier das Barbarengebiet. Ein paar Kilometer südlich von Aquincum baute man einen östlichen Brückenkopf namens Contra‑Aquincum höchstwahrscheinlich an einer Donau­brücke. Die restaurierten Reste eines Mauerturms sind heute mitten im belebten Stadtkern zu sehen.

Seit 89 n. Chr. war bereits die legio II Adiutrix nahe dem Lager der früheren Kavallerietruppen (diese ab 73 n. Chr.) stationiert. Unter Kaiser Trajan wurde Aquincum im Jahr 106 die Hauptstadt von Pannonia Inferior und im Jahr 118 unter Hadrian, der früher hier Dienst leistete, zum municipium ernannt. Im Jahr 194 wurde Aquincum sogar zur colonia, was seine große Bedeutung unterstreicht. Sowohl die canabae als auch die in einiger Entfernung gegründete Zivilstadt entwickelten sich rege. Zu Ende des 2. Jh. unter Septimius Severus erreichte die Stadt ihre größte Ausdehnung. Die Einwohnerzahl, welche sich aus der romanisierten lokalen Bevölkerung und römischen Veteranenfamilien ergab, erreichte damals bis zu 12000. Um die Stadt herum lagen Handwerkerquartiere und landwirtschaftliche Villen. Friedhöfe säumten die aus der Stadt führenden Straßen. Reste des mächtigen Aquädukts kann man im Mittelstreifen der daran angepassten heutigen Hauptstraße sehr schön sehen. Nordwestlich des Ausgrabungsgeländes hinter der kreuzenden Bahnlinie sieht man von der Straße aus das Amphitheater. Erbaut um ca. 150 und etwa 100 Fuß von der Stadtmauer entfernt wurde es nach Bauinschriften 214 und 259 renoviert. Dieses Bauwerk ist fast kreisrund nach dem Muster von Kreisgrabenanlagen gebaut und hat außen an die 87 m Durchmesser. Außerhalb eines Dammes war eine Stützmauer errichtet. In einige Steinbänke sind die Namen der damaligen Eigentümer eingraviert und noch gut lesbar. Über eine nördliche Rampe und einen südlichen unterirdischen Korridor waren die Sitzreihen erreichbar. Mit ca. 7000 Plätzen hatte das Theater den Fassungsraum eines heutigen kleineren Stadions. Beim Westtor befand sich der Tempel der Nemesis, der Göttin der Kampfspiele. In der Nähe waren auch die Unterkünfte der Gladiatoren mit einem Turm und Hof, heute nicht mehr sichtbar.

Bis zum Ende des 3. Jh. erfreute sich das Verwaltungs‑ und Handelszentrum ganz ähnlich wie Carnuntum in Pannonia Superior einer führenden Rolle. Danach wurde auch hier die Entwicklung durch die heftigen Kriege mit Germanen und Roxolanen (iranisches Reitervolk, Teilvolk der Sarmaten) schwer gestört. Die vorher blühende Kultur war von italischen und rheinischen, später von orientalischen Einflüssen geprägt. Die keltische Bevölkerung hinterließ auch jederzeit ihre deutlichen Spuren. Ab Ende des 3. Jh. (Diokletian) hatte Aquincum (nach der Vierteilung Pannoniens nunmehr in der Provinz Valeria) nur mehr militärische Bedeutung; die Zivilverwaltung ging von Sopianae (Pécs) aus. Die Stadt wurde allmählich kommerziell und kulturell vernachlässigt und konnte im 4. Jh. den Angriffen der Barbaren nicht mehr standhalten. Ab etwa 350 schrumpften alle drei Niederlassungen und wurden allmählich entvölkert, sodass sie schließlich aufgrund eines Vertrages um 530 in den Besitz der Hunnen übergingen.

In unserer Führung überquerten wir praktisch das gesamte freigelegte und heute sichtbare Gelände, den Archäologischen Park Aquincum, der aber nur ein Zehntel des Gesamtareals der Zivilstadt ausmacht. Seit 1880 fanden hier Ausgrabungen statt. An der Kreuzung der beiden Hauptachsen, der cardo (Nord‑Süd) und des decumanus (West‑Ost) wurde die Stadt rekonstruiert. Wir standen auf den Resten des Forums mit Säulengang, gepflastertem Hof und Podiumstempel im Norden mit dem üblichen Altar davor, der kapitolinischen Trias geweiht. An der Ostseite war die curia, eine lang gestreckte Halle der Stadtverwaltung, und an der Ecke einer gepflasterten Straße mit Radspuren stand die basilica, das Gebäude für Rechtssprechung und Handel. Östlich davon befanden sich fünf große Handwerkerhäuser von etwa 60 m x 15 m, hinter der basilica eine quadratische Kapelle (aedicula) mit Einzäunung, ganz im Osten ein öffentliches Bad. An der Westseite der cardo war eine Arkade, hinter der sich mehrere Geschäfte mit Lagerräumen befanden (heute unter der Szentendrei út), welche bis an den Aquädukt reichten (steinerne Fensterrahmen noch sichtbar!). An der Südostecke der großen Kreuzung befanden sich die großen öffentlichen Bäder des Zentrums, mehrfach umgebaut und mit allen Arten bis zum Schwitz‑ und Dampfbad mit Wannen an den Wänden. An der Außenwand der Thermen ist eine Teilrekonstruktion des damaligen Brunnens mit Stufen zu sehen. Am Südende des Bäderbezirks befand sich ein heiliger Bezirk mit kleinem Tempel, der Fortuna Augusta geweiht. Weiters bestand im Südteil der insula ein klassischer Markt­bezirk mit peristylium und Läden um einen Hof, in dessen Mitte ein Heiligtum (rotunda) stand. Fleisch war außerhalb der Läden am Fleischmarkt zu kaufen. An der Ostseite der Thermen verlief eine Straße mit Wohnhäusern. Ein Mosaik (Dirkes Bestrafung) ist unter einem Schutzbau zu sehen. Südlich des Fleischmarkts wurde eine insula mit unterschiedlicher Bebauung (Häuserreihe bzw. lockere Bauweise mit Höfen) freigelegt. An der Nordwestecke befand sich der Sitz der Handwerkerinnung (collegium), welcher über einer früheren Töpferei errichtet wurde. Im 3. Jh. wurden an der Ostseite der Kollegiumsinsel auf einer Terrasse Bäder erbaut. Zwei mit Badewannen versehene Räume( nach Männern und Frauen getrennt) waren um ein offenes Schwimmbassin errichtet, östlich ein Schwitzbad. Nächst dieser Badeanlage wurde ein großes Wohnhaus mit Innenhof und Peristyl für Gemeinschaftszwecke zum Sitz des Collegium Iuventutis umgebaut, nördlich des Tores eine Ladenreihe, südlich ein Privatbad, das wir mit seinem schönen Ringermosaik besichtigen konnten. Vom Hof mit Brunnen (Satyr‑Statue) führten Stufen mit einer Balustrade zu einem kleinen gepflasterten Platz hinunter. Interessant ist ein gut erhaltener Abflussdeckel mit Rosette. In der anschließenden Empfangshalle des Kollegs (innen zwei Säulen), welche noch ein Stockwerk hatte, werden heute Mosaike, Wandgemälde und Deckenfresken ausgestellt. Ein anschließendes Wohnhaus musste terrassiert werden; das Fundament des nördlich anschließenden Mithraeums (eines von vier gefundenen) versank westlich in der auslaufenden Terrasse. Beides gehörte nach den Inschriften dem örtlichen Ratsmitglied Marcus Antonius Victorinus. In nächster Zeit will man beide Gebäude rekonstruieren, das weiter südlich gelegene Symphoros‑Mithraeum ebenso (Kultbild im Museum). Einer Wiederausgrabung harren das südliche Stadttor mit Rotunde und Fragmenten des deversorium (Ausschank); heute sind Gebäude darüber errichtet. Z.B. befand sich unter dem Elektrizitätswerk das Collegium centonariorum (Feuerwehrhauptquartier), das leider selbst abgebrannt ist und wo die Überreste der heute berühmten und nach seinen Metallteilen rekonstruierten hydraulischen Orgel (im Museum ausgestellt) gefunden wurden.

Das Museum auf dem Ruinengelände ist sicher eines der reichhaltigsten Mitteleuropas. Götterstatuen einheimischer Bildhauer und Steinmetze neben militärischen Reliquien (Bronzehelm  1. Jh., Marmorstatue in voller Rüstung), eine auf den Kaiserkult bezogene Inschrift mit Datum, Kaiserskulptur in Toga, die Rekonstruktion eines larariums (Fortuna Nemesis) sowie geweihte Altäre und ein Mithras‑Kultbild zeugen vom religiösen Leben. Das städtische Leben manifestieren ausgestellte Werkzeuge und Produkte der Töpfer, Zimmerleute, Steinmetze, Mosaikbildner und Stuckateure.

Die Rekonstruktion eines Interieurs mit Mosaikboden und Wandmalerei zeigt Beispiele römischer Wohnkultur. Beachtenswert neben der berühmten Wasserorgel sind tägliche Gebrauchsgegenstände vom klappbaren Bronzetischchen mit Marmorplatte bis zu Kochgeschirr, Trinkgefäßen und Möbelbeschlägen.

Im Außenbereich des Museums ist das Lapidar mit etwa 1000 Steindenkmälern zu bewundern, eine der reichsten Sammlungen Europas aus einer einzigen Siedlung. Aus ihren Inschriftensteinen kann die Geschichte der Provinzhauptstadt, des Statthaltersitzes und der Militärlager, des Heeres und der Bevölkerung aus erster Quelle nachvollzogen werden. Aufschluss über Architektur, Tracht und kunstgeschichtliche Aspekte kann aus den Steinen gewonnen werden. Besonderes Interesse verdienen die Grabmäler der einheimischen keltischen Eravisker neben denen der zivilen und Militärpersonen samt Weiheinschriften. Sehr wertvoll sind die von pannonischen Statthaltern gewidmeten Altäre. Die Darstellung mythologischer Motive und die Vielzahl von Inschriften geben Einblick in das geistige Provinzleben. Aufschlussreich sind etliche Steinsarkophage, Meilensteine und Haushaltsgegenstände (z.B. Mühlsteine).

Nicht fehlen durfte der Besuch der Herkules‑Villa in der Meggyfa utca 21 in Obuda im Garten einer Schule. Es handelt sich um ein Stadtpalais (villa urbana) am Nordwestrand der Militärstadt und gehörte anscheinend einem höheren Beamten, erbaut Mitte des 2. Jh. und nach den Verwüstungen der Markomannenkriege luxuriös renoviert. Bei einem Barbareneinfall um 260 wieder beschädigt, wurden daraufhin die Wandmalereien zu Beginn des 4. Jh. restauriert. Man fand unter dem Boden eines der Räume einen Schatz mit 33 Münzen, die in der zweiten hälfte des 4. Jh. hier vergraben wurden. Das Gelände war später ein Friedhof, aber keinem der Totengräber oder Grabschänder fielen die Münzen in die Hände. Schöne Reste von Mosaikböden sind heute in der nördlichen länglichen Halle und im Süden in einer mit Apsis abgeschlossenen Banketthalle (tablinum) zu bewundern. Das Mosaik der großen Halle ist original umrandet mit dem vastika‑(Hakenkreuz‑)Muster und zeigt den Kentaur Nessos die Nymphe Deianeira raubend und Herkules, wie er mit dem Bogen auf den Entführer zielt. In der Banketthalle mit Apsis ist ein bacchischer Umzug (thiasus) dargestellt mit dem trunkenen Herkules und Amor, der einem Tiger einen Henkel Trauben anbietet. Vogel‑ und Pflanzenmalereien, die Stuckaturen und Reste einer muschelförmigen Nische bestätigen die luxuriöse Ausgestaltung. Ein weiterer Mosaikboden in einem kleineren westlicher gelegenen Bad zeigt eine palaestra‑Szene (Boxkampf). Bei der heutigen Eingangsstiege kann man römische Gräber, einen Kanal, die Fragmente der Mauereinfriedung und Teile des Aquädukts besichtigen. So handelt es sich bei der Herkules‑Villa um eines der wichtigsten Monumente Aquincums und zeugt von der Pracht dieser Stadt in ihrer Hochblüte.

Interessante Stunden verbrachten wir auch in der großartigen archäologischen Ausstellung des Ungarischen Nationalmuseums. Man kann hier Funde seit der Mitte der Mindeleiszeit (400.000 ‑ 350.000 v. Chr.) mit dem Homo errectus bis zum Niedergang der Awarenzeit im 8. Jh. n. Chr. In modernster Aufbereitung bewundern. Eine genauere Beschreibung würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Daher ist ein Besuch dieser Ausstellung für jedermann/frau nur zu empfehlen.

Mit großem Schwung haben wir am ersten Tag bereits alle geplanten Besichtigungen geschafft, so dass der nächste Tag bis zur Heimreise für individuelle Wünsche und Erkundungen frei blieb. Das Stadtinnere von Budapest wurde wieder gruppenweise durchwandert mit Besuch der denkmalgeschützten Markthalle, der großen Synagoge (mit Orgel!), Konditoreien und sonstigen Lokalen, die putzige älteste U‑Bahnlinie Kontinentaleuropas nicht zu vergessen, bis wir uns am frühen Nachmittag zur Heimfahrt mit unserem bewährten Buschauffeur anschickten. Eine solche Besichtigungsreise kann nur empfohlen werden und müsste nach einiger Zeit wiederholt werden, um einiges noch genauer in Augenschein nehmen zu können. Es gibt noch vieles zu entdecken, und das schätzt unsere Seniorarchäologie.

Gerhart Maier, Sen.Arch.

02.08.2005