Fahrt nach Pécs (September 2004)

Die heurige Herbstfahrt unter der bewährten Leitung unseres Jànos Rudas führte etwa 40 Seniorarchäologen bis hinter den Plattensee in die südliche ungarische Bezirkshauptstadt Pécs (Fünfkirchen, Bezirk Baranya am Südfuß des Mecsekgebirges). Drei Tage waren in dieser schönen Stadt geplant, und nicht nur die sondern auch Kirchen und Burgen in der Umgebung sowie eine große Ausgrabung waren unser Ziel. Plangemäß fuhren wir per Bus über Györ (Raab), diese tapfere Stadt, welche in römischer Zeit Arrabona hieß und in der Türkennot nur vier Jahre unter türkischer Herrschaft war (1594–1598), nach Pannonhalma (bis 1850 Martinsberg, Martin v. Tours, *316 Savaria – 397, Bischof v. Tours ab 371), welche Benediktiner-Abtei 997 von König Géza gegründet wurde und Ausgangsort der Christianisierung Ungarns war: Erzabtei mit 1500 Jahren Tradition des von Benedikt v. Nursia gegründeten Ordens; seit 1902 Unterricht, heut zwei Gymnasien (auch nach 1945!) in Györ mit 400 Schülern und in Pannonhalma mit 330 Schülern; Bibliothek mit 400.000 Bänden; 50 Mönche im Lehramt und in Betreuung von 15 Pfarrgemeinden der Umgebung. Die Klosterkirche wurde im 13. Jhdt. erbaut und im 15. und 18. Jahrhundert ausgebaut sowie stark verändert. Unter den Türken Moschee, 1639 Rückkehr des Ordens, 1786 Auflösung durch Joseph II, 1802 Wiedergründung, Turm aus 19. Jhdt. Mit Bibliothek im klassizistischem Stil. Die Bibliothek wurde 1077 von König Ladislaus mit 80 (!) Büchern – einem damaligen Vermögen – gegründet; vor ca. 170 Jahren auf heutiges Erscheinungsbild durch zwei Wiener Baumeister umgebaut mit Lichtkuppel und Spiegelsystem. In der Kirche befindet sich die St. Benedikt-Kapelle (19. Jhdt) in Birnenholz und eine neugotische Marienkapelle mit nach innen gebogener Altarspitze sowie die St. Stefans-Kapelle mit seinem Taufbild. Im Kirchenlängsschiff prächtiges Steingewölbe aus der Zeit Mathias Corvinus. Neuromanische Kryptaeingänge aus 1701, Krypta in Spätromanik und Frühgotik: Grab von Erzherzogin Stephanie (Gemahlin v. Erzh. Rudolf, gest. 1945). „Porta speciosa” = Kircheneingang vom spätgotischen Kreuzgang her (letzterer ähnlich wie in Heiligenkreuz N.Ö.), Gewölbebasis mit Skulptur-Stein „1486” alte Büchernische neben Kircheneingang. Bei Ausgrabung im Kreuzgang wurde anlässlich der Restaurierung ein Christusbild aus d. 14. Jhdt. (Zeit König Sigismund) gefunden und ist in der unteren Hälfte sichtbar. Als weiterer österr. Ausstatter der Bibliothek ist der Maler Josef Klieber nachzutragen, der das Herrscher-Fries unter der Decke schuf. Im seitlichen Hof der Abtei ist eine sehr natürlich wirkende Skulptur des hl. Mauricius (Abt) zu bewundern; er war später Bischof von Pécs.

Nach dem ersten Mittagessen fuhren wir südlich von Szekesfehervar (Stuhl-Weißenburg), der zweiten Hauptstadt Ungarns nach Esztergom (Verlegung zur Zeit der Kreuzüge) nach Tàc, wo sich westlich am Fluß Sárviz das „ungarische Pompeji” GORSIUM – HERCULIA befindet und wo seit 1958 systematisch ausgegraben wird. Mitte des 1. Jhdt. n.Chr. wurde von den Römern am Flussübergang des Sárviz und an der Kreuzung zweier wichtiger Straßen von Sopianae (Pécs) und Aquincum (Obuda) bzw. Sopianae und Brigetio (Oszöny) ein Militärlager angelegt, das mit 500 Mann bis zum Beginn des 2. Jhdt. bestand und wegen des inzwischen ausgebauten Limes im Jahr 105/106 entbehrlich geworden war. Kaiser Trajan ließ hier 106 erstmals die Provinzialversammlung von Pannonia Inferior zusammentreten. Hier entstand auch der Tempelbezirk des Kaiserkults der Provinz (area sacra). Diese Hallen sind mit umliegenden kleinen Tempeln in den freigelegten Grundmauern gut erkennbar, ebenso der Versammlungssaal der Provinzialversammlung und Unterkunftsräume für die Delegierten, der Festsaal und ein Keller, in dem viele Instrumentarien und Speisegeschirr gefunden wurden. Ins Auge fällt ein Palast mit deutlich erkennbarem Atrium, das Bad mit Hypokausten und Präfurnien sowie der ausgeklügelten Fußbodenheizung im Empfangsaal des Palastes mit schönen Apsiden. Dies alles stammt aus der großen Bauperiode ab Beginn des 2. Jhdts. Nach Trajan ist der Kunstsinn Hadrians in Gorsium zu spüren. Wie man durch mineralogischen Vergleich herausgefunden hat, stammen die großen Basaltsäulen des hiesigen Augustustempels aus denselben Steinbrüchen Pergamons wie jene des in Rom errichteten Tempels der Roma und Venus. Das unterstreicht die damalige Bedeutung dieses Kultbezirkes, in dem das ganze Jahr über Feste, Umzüge und Gedenkfeiern nicht abrissen. Neben der mit einer Säulenallee versehenden Prachtstraße zwischen Palast und Tempel, welche beim wesentlichen Tor zum Flusshafen beginnt, sind auch zwei Zierbrunnen (Nymphäen) mit Darstellungen von Nymphen und dem Wassergott im kleinasiatischen Stil sehr beachtlich.

Zwischen 167 u. 180 litt auch Gorsium sehr unter dem Angriff der Sarmaten im Donau-Theiß-Becken und wurde mit den Äußeren Stadtvierteln niedergebrannt. Bis zum Besuch des Kaisers Septimius Severus im Jahre 202, welcher sich besonders für den neuerlichen Ausbau des Limes verdient gemacht hat, waren die zerstörten Gebäude noch größer und schöner wiedererrichtet worden. Bis zur Mitte des 3. Jhdts. war eine neue Blütezeit zu verzeichnen. Danach tobten an den Ostgrenzen (Goten) und am Rhein schwere Kriege; Wirtschaftskrisen, Inflation und immer wieder auflodernde Bürgerkriege belasteten das Reich. So fand man 1968 den vergrabenen Schatz der Provinzialversammlung (3134 Doppeldenare), welcher nach den jüngsten Prägungen im Jahr 258 versteckt worden sein muss.

Das Reiterheer des Kaisers Gallienus traf wenig später bei Mursa (Eszék) auf das Heer des Gegenkaisers Ingenuus und wird den Raum von Gorsium bedroht haben. 260 war abermals eine noch größere Invasion von Sarmaten, Jazygen und Roxalanen zu verzeichnen. Diese vernichteten den Gegenkaiser Regalianus, was Gallienus nur recht sein konnte, holten sich aber ihren Lohn, indem sie plündernd und brandschatzend durch die schutzlose Provinz zogen. Damit war auch das Schicksal Gorsiums besiegelt, seine überlebenden Einwohner wurden als Sklaven verschleppt und die zerstörten Tempel und Hallen mit allen Skulpturen dienten für Jahrzehnte als Steinbruch für die zerstörten Donaukastelle (z.B. Intercisa). Erst 30 Jahre später (290) wurde zwar wieder die Siedlung aber kein religiöses Zentrum mehr aufgebaut. Selbst den Namen musste der Ort wechseln. Diokletian nannte ihn zu Ehren des Mitkaisers Maximianus Herculius (Herrscher über Westhälfte) ab nun HERCULIA. Zentrum war das frühere Tempelareal, eine Mauer mit jeweils einem seitlichen Mitteltor und vorspringende Verteidigungstürme wurde errichtet. Die Straßenkreuzung war nun außerhalb des Tempelbezirks. Herculia wurde zu einer bedeutenden Basis des triumphierenden Christentums. Zwei Basiliken befanden sich an der Straßenkreuzung. Ein Taufbecken aus Ziegeln neben dem alten Brunnen an der NO-Ecke der westlichen Basilika und eine geschmückte marmorne Altarschranke mit Christogramm sind davon ausgegraben worden. Eine zweite Blütezeit begann nun für den erneuerten Ort. Die Einwohner nahmen stark zu und ausgedehnte Außenviertel entstanden rund um die Mauern. Das Gewerbe blühte und die Schweinezucht dürfte schon beträchtlich gewesen sein. Hat man aus der früheren Periode noch viele keltische Namen und deren Tracht auf Grabsteinen gefunden, ist die Bevölkerung später immer mehr romanisiert. Das von 380 – 430 belegte südliche Gräberfeld weist bereits Zeichen der Verarmung und seltener Steindenkmäler und Grabsteine auf.

Mit der verlorenen Schlacht bei Hadrianopolis (378, Kaiser Valens) begann ein langer Abschnitt des Abstiegs im Leben Herculias. Die Völkerwanderung verursachte ein nicht mehr aufzuhaltendes Einströmen fremder Völker an Rhein und Donau. Pannonien konnte in den folgenden Jahrzehnten mit seinen veralteten Kastellen und immer weiter zurückweichenden mobilen Heeren kaum mehr verteidigen werden. Zu Anfang des 5. Jhdts. konnten sich nur mehr Orte mit Stadtmauern und bewaffneten Bürgern der plündernden Barbaren erwehren. Das erkennt man auch an den Skeletten von Männern im südlichen Gräberfeld von Herculia. Bewohner von Dörfern und Einzelhöfen mussten sich mehr und mehr in die schützenden Mauern zurückziehen. Dadurch schwoll die Einwohnerzahl Herculias nach 400 in unerhörtem Maße an. Auch seine Außenviertel waren entvölkert. Im südlichen Stadtviertel kann man heute feststellen, wie zwischen den leeren Häusern Gräber ausgehoben wurden und der Platz zum Friedhof wurde. Durch die Raumnot wurden an die Stadtmauer angelehnte primitive Hüten und Häuser mit wenigen Räumen errichtet. Auch der große Palast wurde von keinem Statthalter mehr benützt und zur billigen Unterkunft. Man fand im halboffenen Säulengang und im Innenhof Gerbertrommeln. Jede Art von Handwerk wurde innerhalb der Mauern ausgeübt.

Ständige Angriffe der Hunnen und germanischer Völker danach dezimierten die männliche Bevölkerung. Gegen Ende des 5. Jhdts. waren auch innerhalb der Mauern viele verfallende und eingestürzte Häuser, und auch hier entstanden Gräberfelder. Schließlich regte sich im 7. und 8. Jhdt. nur mehr an der Kreuzung der ehemaligen Hauptstraßen Leben. Einige bescheidene Familien fristeten ihren Unterhalt vom Durchzugsverkehr. Die westliche Basilika bestand bis zum Mongoleneinfall. Im 11. Jhdt. nannte man das bescheidende Dorf bereits Föveny und errichtete eine kleine Kirche an der Südseite der Straßenkreuzung. Bis zum 16. Jhdt. war dieser Ort bewohnt, bis die Türken der anderthalb Jahrtausende währenden Geschichte der Siedlung ein Ende setzten.

Derzeit wird in der mittleren Osthälfte der Stadt intensiv ausgegraben und ist unter dem großen öffentlichen Bad aus der zweiten Bauperiode der im Jahre 260 untergegangene Augustustempel mit den berühmten Basaltsäulen zum Vorschein gekommen. Auch Stefan d. Hl. hat viel Baumaterial von hier, nämlich speziell von der östlichen Stadtmauer und den noch stehenden Ruinen für die königliche Basilika in Székesfehérvár verwenden lassen. Von den umliegenden Stadtvierteln wurde bisher erst das südliche genau untersucht: Grubenhäuser 1./2. Jhdt, Wohngebäude 4. Jhdt., militärische Gelände 2. Jhdt. und schließlich Gräberfeld. Im ehemaligen herrschaftlichen Weinkeller gibt eine Ausstellung von vielerlei Funden ein ergänzendes Bild zu dieser großen Siedlung.

So hatten wir am ersten Tag bereits viel besichtigt und waren davon tief beeindruckt. Man kann nur einen Bruchteil der wichtigen Dinge in diesem Kurzbericht erwähnen. Jeder möge sich diese Orte auch ansehen, gezielt oder im Rahmen eines Urlaubes, um ein eigenes und vollständigeres Bild davon zu bekommen.

Am Abend kamen wir in Pécs an und bezogen unser 3-Sterne-Hotel in der Király-Straße nahe dem Széchenyi-Platz, wo sich eine beachtenswerte Kirche befindet. Die Stadt war das römische Sopianae, vielleicht vom keltischen sops (=Moor – im Süden der Stadt) abgeleitet, später Quinque Baselice (=Fünfkirchen) und zu Karantanien gehörend. Die erwähnte große Kirche am Hauptplatz war seinerzeit eine größere Moschee (dschami) und wurde nach dem Abzug der Besatzer eine röm.kath. Kirche. An der Hinterfront wurde eine Erweiterung zuletzt in Beton vorgenommen und ein ausfahrbarer Glockenturm aus 3 Stahlsäulen ist mit seinem Geläute und auch seiner Begleitmusik interessant. Der Charakter von Pécs entspricht in seiner Größe und Architektur etwa der von Graz, und tatsächlich wurde von Graz ein Ausgrabungsprojekt der Freilegung und Restaurierung römischer Grabdenkmäler mit teilweise wunderbarer Bemalung mit S 1 Mio. unterstützt. Diese Gräber sahen wir am zweiten Tag vor und unter dem Pécser Dom, der mit seinen vier Türmen kaum etwas Gleichwertiges in Europa finden lässt (nur einmal in Rumänien). Nach dem großartigen archäologischen Museum erlebten wir eine Führung im Dom. Ende des 4. Jhdts. begann Pécs in die neuere Geschichte christlichen Charakters einzutreten. Bereits 290 war das Municipium Sopianae die Zivilhauptstadt der Provinz VALERIA (militärische Hauptstadt AQUINCUM). Ab 312 wurden frühchristliche Kirchen und mehrere Großbauten errichtet. Ein Friedhof mit 2000 Gräbern und 30 Grabkapellen (Denkmalkapellen über Grabkammern) sowie eine Sektenkapelle wurden gefunden und sind teilweise heute zu besichtigen. Wir steigen hinunter in die berühmte urchristliche Grabkammer „mit dem Krug”, deren Originalbemalung einmalig gut erhalten ist. An der Stirnwand ist in einer Nische ein Weinkrug mit Trinkbecher abgebildet. Solche wertvollen Gräber hatten auch Lüftungsschlitze neben den Sarkophagen und perforierte Fußböden. Das achteckige Baptisterium aus dem 12. Jhdt. wurde neben dem Dom ausgegraben und ist demnächst beleuchtet vom Domplatz aus durch eine begehbare Glasabdeckung zu besichtigen. Ein Museum mit restaurierten Architekturresten befindet sich auch neben dem Dom. Man bewundert neben Bauteilen ab dem 11. Jhdt. schön rekonstruierte romanische Kirchenportale mit einem fantastischen Durchblick durch ein Glasdach auf den heutigen Dom.

Die Krypta des Doms ist noch im romanischen Stil erhalten. Das dreiseitige Relief im Abgang zur Unterkirche zeigt Szenen aus dem Alten Testament bis zu den „Hl. drei Königen” und wurde von den Türken fast gänzlich demoliert. Das Hauptgrab enthält entweder einen Märtyrer oder den zweiten König Ungarns. Im 17. Jhdt. beraubte ein italienischer General mehrere Gräber während der Befreiung von den Türken. In einem Grab wurde neben dem Toten eine päpstliche Bulle aus 1465 (Papst Paul II – Helfer in Türkennot) gefunden. Man nimmt an, dass es das Grab von Janos Pannonius, einem jungen Bischof und Renaissancedichter sowie Cousin von Mathias Corvinus ist. Der Papst schenkte ihm ein Haus, er lebte aber lieber in Ruinen und verfasste ein Spottgedicht: „Papst, aber nicht Papa”. Er war ein Gegner des Königshauses und kämpfte lieber für die Armen, floh nach Zagreb und starb dort. Nach einen Jahr wurde er nach Pécs überführt und in einem Pechsarg auch Jahre in einer Kapelle versteckt.

Nachdem wir am Abend des ersten Tages in Pécs unter anderem Zander und Somlauer Palatschinken ausprobierten, besuchten wir am zweiten Tag eine Weinkost wieder in einem Kellerlokal mit Besichtigung aller Vorräte. Unterirdische Gewölbe gibt es in dieser Stadt mehr als genug, sodass seinerzeit der Straßenbahnbetrieb wegen dauernder Einsturzgefahr eingestellt werden musste. Es gibt ganz wunderbare Weine aus der Umgebung zu verkosten, und wir fanden auch einige sehr gute Lokale im Zentrum, wo es sich auszahlt, Speis und Trank zu genießen. In kleinen Gruppen verteilten wir uns dazu über die Stadt.

Am dritten Tag besuchten wir die innerstädtische o.e. Pfarrkirche (ehem. dschami), die nach Südost gegen Mekka ausgerichtet ist und heute auf NW-Seite einen modernen Zubau aufweist, der praktisch als weiterer Kirchenraum verwendet wird. Unter Wahrung der wesentlichen alten Architektur ist der Umbau und Erweiterungsbau sehr gut gelungen, nachdem ein unpassender seitlicher Kirchturm aus dem 18. Jhdt. abgerissen wurde. Eine kleinere Moschee an der Einfallstraße konnten wir nur von außen besichtigen. Sie besitzt ein Minarett und steht so wie die Synagoge (erbaut 1865) nach wie vor in ursprünglicher Verwendung.

Nachmittags erwartete uns der Bus zu einer Fahrt nach Siklós, einer Stadt mit 10.000 Einwohnern am Benkes-Gebirge in der Nähe der Vilaner Weingegend mit der einzigen noch original erhaltenen Burganlage Ungarns. Franz II. Rákóczi brachte es im Jahre 1707 zuwege, Kaiser Leopold I. als König von Ungarn abzusetzen. Nachdem er 1711 aufgeben musste, wurden nach dem Frieden von Sathmar fast alle Burgen Ungarns geschliffen, nur die von Siklòs blieb über. Die Magnaten Batthyany besaßen die Burg (Wappen über dem Eingang) sowie die Gara’s (Todfeinde der Hunyadis, ausgestorben 1514). Der Oberteil der Burg wurde neu aufgesetzt. Außen sichtbar sind Romantik, Gotik, Renaissance und Barock; 1294 erste Erwähnung. Ins Auge fallen sofort das alte Kanonenrondell und die spanische zinnenbewehrte Bastion (1700). Schon vor 1294 baute eine kroatische Adelsfamilie an der Burg. Sigismund war hier vor seiner Krönung gefangen (Vorgänger Karl Robert v. Anjou). In der Burgkapelle wurden 1955 zwei gotische Seitenaltäre mit Fresken entdeckt. Der Renaissance-Tabernakel ist in der linken Seitenmauer (selten). Seitlich das Grab von Kasimir Batthyany (Cousin des 1849 hingerichteten Grafen Lajos B. – Ministerpräsident).

Die Burg ist heute in Staatsbesitz (seit 1992 Betriebsgesellschaft): Brunnen 19m in Fels, Weinbau in der Umgebung seit der Römerzeit, Marmorsteinbrüche in max. 400m hohen Bergen, Verteidigungsburganlage = Barbakane. Zu sehen ist das Gefängnis von Sigmund, ein in der Gotik schön bemalter Erker. Ein Renaissancekamin zeigte das Wappen der Perenyi (halber Wappenstein in der Kapelle entdeckt).

Der Freitag (4. Tag) war für eine Fahrt zu alten Kirchen aus der Arpadenzeit vorgesehen. Zuerst ging es mit dem Bus nach Cserkut, einem kleinen Ort bei Pécs (Cser = Eiche, Kut = Quelle). Der Ort wurde im 11. Jhdt. gegründet. Das romanische Dorfkirchlein aus dem frühen 13. Jhdt. hat ein hochgotisches Südportal, während der ursprüngliche Eingang auf der westlichen Turmseite zugemauert wurde. Nur mehr die beiden Löcher der früheren Glockenseile sind unter einem Bogen noch zu sehen. Das Innere der Kirche wurde in letzter Zeit liebevoll restauriert. Eine alte Dame aus dem Ort führte uns, während unser Jànos uns perfekt übersetzte. Im Zuge der Renovierung wurden an den Längswänden zwei große Fresken aus der Zeit von 1280 – 1300 unter dem Kalkanstrich hervor geholt. Abgebildet sind mit byzanthinischem Einschlag die zwölf Apostel und das Jüngste Gericht (St. Michael mit Schwert und Waage: reine Seele (Anima) gegen vier Teufelchen, Madonna mit Kind (letzteres sehr erwachsen wirkend), Christustaufe, St. Nikolaus als Hauptheiliger, St. Georg am Pferd (1335 Patrozinium). In der Apsis sind auch Freskenreste vorhanden (hl. Ladislaus mit Draperie – Anfang 14. Jhdt.) und als Altarfresko mittig die Kreuzigungsgruppe. Ein Apsisfenster ist so angebracht, dass am Tag des hl. Michael (29.9.) die Sonnenstrahlen das gegenüber befindliche Michaelsfresko treffen müssen.

Das Taufbecken wurde aus einem alten Säulenfuß (achteckig aus einer Türkenvilla) gemeißelt und ist mit einer halbkugelförmigen Abdeckung aus Bronze mit Kreuz über dem Halbmond ausgestattet. Im Altarbogen sind unter einem Christus-Medaillon (Panthokrator) arbeitende Menschen verschiedener Berufsgruppen dargestellt (Anf. 15. Jhdt). Solche Abbildungen sind in alten Kirchen sehr selten.

Von der äußeren Steinmauereinfriedung sieht man noch die Grundmauern (auch von Ossarium und Sakristei), die Kirche hat ein Holzschindeldach. Mitte des 13. Jhdts. brannte sie nach einem Blitzschlag ab und stand etwa 100 Jahre als Ruine, bis sie wieder aufgebaut wurde und zu Ende des 14. Jhdts. erstmals einen Turm bekam, der heute nicht mehr begehbar ist.

Wir erfuhren über den Ort noch, dass bis zur Wende in der Umgebung ein Uran-Bergwerk betrieben wurde, das auf Verlangen der Bevölkerung stillgelegt wurde. Eine kleine aber eifrig zusammengestellte ethnologische Sammlung konnte von uns auch besucht werden, bevor wir uns wieder auf den Weg machten, um im Ort Mánfa am etwas abgelegenen „Mühlenberg” = Malomhegy eine frühromanisch bis gotische Kirche zu bewundern. Bereits im 11. – 13. Jhdt. bestand die erste romanische Kirche, welche im 14. Jhdt. ein gotisches Schiff mit Strebpfeilern bekam. Solche alten Gotteshäuser waren wegen des noch sehr starken Analphabetismus immer schön bemalt (bilia paupera). Im viereckigen Chorquadrat sieht man die zugemauerte Sakristeitüre (außen nur Grundmauern der Sakritei). Das Taufbecken ist aus dem 13. Jhdt, die bäuerliche Holzempore mit Zahnschnitzerei versehen. In den Resten der ursprünglichen Umfassungs- bzw. Friedhofsmauer steht ein prächtiges Paar Linden.

Damit war unser mögliches Besichtigungsprogramm im Süden Ungarns geschafft und wir machten in der verbliebenen Zeit noch Einkäufe und Museumsbesuche (z.B. das fantastische Zsolnay-Museum mit ausgefallenster Keramik); die Erforschung der besten Lokale wurde in Pécs gruppenweise fortgesetzt. Der zuerst für den fünften Tag vorgesehene Besuch des Schlachtfeldes von Mohács musste wegen laufender Renovierungsarbeiten an den Gebäuden entfallen. Bekanntlich verloren dort die Ungarn im Spätsommer 1526 ihre Selbstständigkeit an die Türken, welche erst über 160 Jahre später hier wieder endgültig zurückerobert werden konnte. König Ludwig II wurde 1526 in der Schlacht tödlich verwundet, und die Könige kamen ab nun aus dem Hause Habsburg.

Da wir im Vorjahr aus Zeitmangel die Hochburg von Visegrad nicht mehr besichtigen konnten, holten wir dies auf unserer Rückfahrt gerne nach. Diese mächtige Burg, welche in der Türkenzeit dem Verfall preisgegeben war, ist jetzt wieder soweit rekonstruiert, dass man einen gewaltigen Eindruck von ihren Ausmaßen und auch dem einmaligen Rundblick bekommen kann. Schöne Modelle und mittelalterliche Ausstellungsstücke sind neben einem Wachsfigurenraum und Rekonstruktionen historischer Wirtschaftszweige zu bewundern.

Die Rückfahrt war aufgrund des EU-Status von Ungarn viel angenehmer und rascher an der Grenze als ein Jahr davor, und wir können uns auf eine geplante Reise 2005 freuen, wodurch wir einen immer tieferen Einblick in die Geschichte dieses freundlichen Landes vor Ort bekommen können. Das verdanken wir vor allem der starken Initiative unseres Reisemanagers Jànos Rudas, dem auch auf diesem Wege herzlich gedankt sei für seine großen Qualitäten. Der Dank gilt natürlich auch allen Leitern und MitarbeiterInnen der Wiener Stadtarchäologie, welche für uns unsichtbar aber umso wirkungsvoller das alles unterstützen und mit organisieren. Auf eine Neues im nächsten Jahr.

Gerhard Maier, Sen.Arch.

02.08.2005