Methodik der Ausgrabung

Martin Mosser

Ich möchte Ihnen im folgenden Vortrag einen Überblick über den Ablauf einer Grabungskampagne im Wiener Stadtgebiet geben. Zunächst werde ich Sie mit den Vorbereitungsmaßnahmen vor dem eigentlichen Beginn einer Kampagne vertraut machen, danach mit den ersten Schritten zur Einrichtung einer Grabung bis hin zur täglichen Routine während der Grabung und den Maßnahmen, die nach dem Abschluss durchzuführen sind.Vieles wird zumindest jenen unter Ihnen, die an den Ausgrabungen in Unterlaa teilgenommen haben, bereits bekannt und geläufig sein. Andererseits unterscheiden sich die Voraussetzungen, wie zum Beispiel Innenstadtgrabungen im Kontext mit oft parallel durchgeführten Baumaßnahmen unter erhöhtem Zeitdruck und einem gewissen Sicherheitsrisiko, grundlegend von Grabungen im ländlichen Bereich, die unter geringerem Stress durchgeführt werden können.

Beginnen wir zunächst mit den Vorbereitungsmaßnahmen. Was sind die Ursachen, dass in Wien im Durchschnitt ca. 10 bis 20 archäologische Grabungen pro Jahr anfallen? Diese liegen klar auf der Hand. Es ist in erster Linie die rege Bautätigkeit und da im Besonderen der praktisch bei fast jedem Bauvorhaben vorgesehene Tiefgaragenbau, der zu massiven Eingriffen in den Boden führt. Sie sehen schon allein an der Verteilung der römischen Fundpunkte im Wiener Stadtgebiet, wie flächendeckend die Verdachtsgebiete für das Auftreten archäologisch relevanter Funde sind. Nach dem Denkmalschutzgesetz ist aber spätestens beim Auftreten von Bodendenkmalen, also von baulichen Überresten aus der Vergangenheit oder dem entsprechenden Fundmaterial, eine wissenschaftliche Dokumentation durchzuführen. Wenn nun ein Bagger auf diese Bodendenkmale trifft, kann, wenn entsprechende Zeugen dies anzeigen, vom Bundesdenkmalamt für 6 Wochen ein Baustopp verhängt werden. Dabei handelt es sich um den ungünstigsten Fall einer Ausgrabung, wenn eine solche – vollkommen unvorbereitet – auf einer bereits voll in Betrieb stehenden Baustelle durchzuführen ist. Da die Archäologie in diesem Fall in den immer sehr eng gefassten Zeitabläufen nicht vorgesehen und damit Anlass für kostenintensive Verzögerungen des Bauablaufs ist, wird extremer Druck auf Archäologen ausgeübt, der ständig Anlass für Konfliktsituationen gibt.Die Politik der Stadtarchäologie zielt daher auf ganz bestimmte vorbereitende Maßnahmen ab, die Konflikte mit den Baubetreibern möglichst verhindern sollen.Damit ist von vorneherein eine Kommunikationsbasis geschaffen, die meist für das gesamte Projekt das Leben für beide Seiten leichter macht.

Ein Beispiel:

Viele von Ihnen werden schon vom geplanten Tiefgaragenbau am Karl-Lueger-Platz gehört haben, der vor allem wegen der großen Platane beim Lueger-Denkmal für hitzige Diskussionen sorgt. Wir von der Stadtarchäologie wissen bereits seit zwei Jahren von diesem Projekt. Die Baubetreiber haben sich rechtzeitig mit uns in Verbindung gesetzt und uns alle ihre Plangrundlagen zur Verfügung gestellt. Auf Grund dieser Plangrundlagen sind wir in der Lage abzuschätzen, was von archäologischer Seite auf den Baubetreiber zukommen wird.

Wie natürlich die Grabungen während des U-Bahnbaus am  Stubentor gezeigt haben, liegt die Garage unmittelbar vor der renaissancezeitlichen Stadtmauer – also genau im Stadtgrabenbereich – und durch die im letzten Jahr stattgefunden habenden Grabungen in der Weihburggasse wissen wir auch über den noch sehr guten Erhaltungszustand der auf der gegenüberliegenden Stadtgrabenseite aufgemauerten Kontereskarpe Bescheid. Diese ist – nach der Überlagerung mit dem digital vorhandenen franziszeischen Kataster von 1830 – voraussichtlich am östlichen Rand der fünf  Stockwerke in die Tiefe gehenden Garage zu erwarten.Die Bauherren wissen nun bereits bevor irgendeine Baumaßnahme begonnen hat Bescheid, mit welchen archäologischen Bodendenkmälern sie zu rechnen haben und können sich gemeinsam mit uns Strategien für einen reibungslosen Ablauf der archäologischen Dokumentation überlegen.

Eine weitere Möglichkeit die archäologischen Dimensionen einer Baustelle abzuschätzen, bietet die Geologie. Hier stehen für Wien unzählige Bohrprofile digital zur Verfügung, die neben den aufgezeichneten geologischen Schichten auch die Höhe der sozusagen von Menschenhand geschaffenen Anschüttung dokumentieren. So zeigt ein Bohrprofil aus der Oberen Bahngasse eine Anschüttung von 4,50 m und wenn an dieser Stelle keine ältere Unterkellerung vorliegt, wäre in diesem Fall mit archäologischen Schichten bis in diese Tiefe zu rechnen.

Der nächste Schritt ist die Terminabsprache. Meist geht der archäologischen Untersuchung der Abriss des Vorgängerbaus voraus, wie zum Beispiel der Abriss der alten Staatsdruckerei am Rennweg. Wenn dann die eingeebnete, freie Fläche vorliegt, die in vielen Fällen oft jahrelang als Parkplatz genutzt wird, ist der günstigste Zeitpunkt für archäologische Untersuchungen gekommen. Damit beginnt die heiße, oft von Unsicherheiten über das tatsächliche Ausmaß der Grabung geprägte Phase.

Wenn genügend Messpunkte in der Umgebung der Grabung vorhanden sind, können die Archäologen diese verwenden, um ein Vermessungsnetz über das Grabungsgelände zu legen.Am einfachsten ist es allerdings, die Vermesser der MA 41 – Stadtvermessung anzurufen, die meist spontan und unbürokratisch so viele Punkte wie möglich auf dem vorgesehenen Grabungsgelände vermessen, die dann auch entsprechend mit Leuchtstiften oder Farbspray kenntlich gemacht werden müssen.

Mit Hilfe des TachyCAD-Systems ist jedenfalls die zeichnerische Dokumentation einer Grabung erheblich leichter und zeitsparender und bereits von Anfang an digital im Stadtvermessungssystem nach X-, Y- und Z-Koordinaten verortet, als es durch eine handgezeichnete Aufnahme je möglich war.

Die ersten Arbeiten auf dem Grabungsgelände werden in der Regel von einem von der vor Ort tätigen Baufirma zur Verfügung gestellten, nicht zu großen, aber auch nicht zu kleinen Bagger samt Fahrer unter archäologischer Aufsicht durchgeführt. Es kann dabei hilfreich sein, an bestimmten Stellen – zum Beispiel wie am Rennweg, wo die bereits verschütteten Keller der alten Staatsdruckerei auf ungestörte archäologische Schichten innerhalb des alten Innenhofes der Staatsdruckerei treffen – die alten Kellermauern mit dem Bagger wegreißen zu lassen, um einen ersten Überblick über die zu erwartenden archäologischen Schichten, also über die so genannte Stratigraphie der Grabung zu erhalten.

Die Baggerarbeiten sind aber in erster Linie dazu nötig, um die jüngsten Aufschüttungen entfernen zu lassen, die auf den in weiterer Folge archäologisch zu dokumentierenden Schichten liegen.Diese Baggerbeobachtungsphase ist besonders heikel und es gehört viel Erfahrung und eine eingespielte Kommunikation mit dem Baggerfahrer dazu, um genau zu erkennen, wann Kulturschichten auftreten und vor allem um zu verhindern, dass der Bagger Bodendenkmale zerstört. Denn das kann schneller gehen, als einem lieb ist.

Wenn schließlich mit Hilfe eines Baggers das so genannte Dokumentationsniveau hergestellt ist, laufen im Prinzip alle Grabungen nach demselben recht einleuchtenden Schema ab, das in erster Linie mit dem Erkennen von vergangenen Baustrukturen und den dazwischen oder darüber gelegenen Erdschichten steht und fällt.

Es gibt natürlich je nach Ausbildung und Geschmack des Grabungsleiters unterschiedliche Vorgangsweisen, ich möchte Ihnen aber hier die vereinfacht als „Schichtengrabung“ bezeichnete Methode vorstellen, die zum Beispiel bei den Grabungen am Judenplatz, bei den Beispielen auf dem Gelände der alten Staatsdruckerei am Rennweg oder auch bei den Grabungen von Michaela Müller in der Klimschgasse zur Anwendung kam. Grundlage ist das einfache Prinzip, dass eine jüngere Struktur theoretisch eine ältere Struktur abdeckt.

Dieses Prinzip kann man mit Hilfe der so genannten Harris-Matrix graphisch darstellen. Dazu bekommt zunächst jede identifizierte Schicht eine fortlaufende Nummer, die so genannte Befundnummer, beginnend mit der Befundnummer 1. Eine Schicht bzw. der Befund bildet damit eine so genannte stratigraphische Einheit.

Sie werden sich fragen, wie im Lauf der Jahrhunderte Schichten entstehen, warum zum Beispiel wie am Judenplatz bis zu 4 m hohe Schichtpakete von der Römerzeit bis heute anzutreffen sind und im ländlichen Bereich römische Baureste bereits knapp unter der heutigen Oberfläche zu Tage treten. Die Entstehung einer Erdschicht kann verschiedene Ursachen haben. In nicht besiedelten Bereichen kommt es relativ rasch zu natürlicher Bodenbildung durch Wind, Erosion und Vegetation. Dies zeichnet sich zum Beispiel auf der Wiener Stadtterrasse durch eine über dem gelben Löss entstandene humose Erdschicht ab. Die Höhe der Kulturschichten in der Wiener Innenstadt ist in erster Linie auf jahrhundertelange Bautätigkeit zurückzuführen. Das heißt eine Schicht entsteht vorwiegend durch Planiermaßnahmen, zum Beispiel beim Anlegen neuer Fußböden oder Straßenschotterungen, oder wenn Mauerfundamente gegraben werden, muss Erdreich abgelagert werden oder Gebäude werden abgerissen und planiert, wobei im letzteren Fall meist sehr viel Schuttmaterial auftritt. Die meisten Funde stammen aus verfüllten Vorrats- oder Abfallgruben, aber auch aus so genannten Zerstörungshorizonten, das heißt, wenn eine Stadt oder ein Lager durch Feinde zerstört wird, bleiben im Gegensatz zu einer geordneten Räumung bei einem Neu- oder Umbau viele der Habseligkeiten an Ort und Stelle im Schutt liegen.

Oft schwierig zu unterscheiden sind schließlich Lehmplanierungen von tatsächlichen Gehniveaus in Form von durchaus häufig anzutreffenden Lehmstampfböden. Einfacher zu erkennen sind hier schon die vor allem in spätrömischen Kontexten, aber auch im Mittelalter auftretenden weißen oder mit Ziegelmehl versetzten rötlichen Kalkmörtelestriche.

Doch kommen wir zurück zur Dokumentation von Schichten:Eine Schicht sollte im Normalfall in ihrem vollständigen Umfang dokumentiert, d. h. gezeichnet, eingemessen, nivelliert und fotografiert werden. Nivellieren, Zeichnen und Einmessen wird mit dem TachyCAD-System zu einem einzigen Vorgang, bei dem eine Person den Theodoliten bedient, die andere Person mit dem Reflektor den Umriss der Schicht abgeht und dazu noch einige Oberflächenpunkte der Schicht dazu nimmt. Dadurch entsteht sofort ein dreidimensionales, bereits im Computer vollständig im Koordinatensystem abgespeichertes Bild eines Befundes.

Da der Stadtarchäologie zurzeit nur ein TachyCAD-System zur Verfügung steht und es nicht selten vorkommt, dass zwei Grabungen gleichzeitig stattfinden, wird es auch in Zukunft noch notwendig sein, auf herkömmliche Art und Weise Befunde zu dokumentieren, womit einige von Ihnen wahrscheinlich bereits in Unterlaa Erfahrung gemacht haben. Dazu ist es notwendig, im Bezug zu den auf der Grabung vorhandenen Messpunkten eine Messlatte oder Maßbänder im rechten Winkel dazu aufzulegen und von diesem Bezugssystem aus den Befund bzw. die Schicht auf Millimeterpapier, meist im Maßstab 1:20, mit Bleistift zu zeichnen. Auf der Oberfläche der Schicht werden dann noch mit dem Nivelliergerät Höhenpunkte vermessen, die in die Zeichnung entsprechend einzutragen sind. Schließlich wird der Befund fotografiert und noch ausführlich in schriftlicher Form beschrieben, wozu einheitlich konzipierte Beschreibungsblätter dienen, die wir uns später noch im Detail anschauen werden.

Ist damit die jüngste auf einer Grabungsfläche zu identifizierende stratigraphische Einheit vollständig erfasst, wird diese Schicht händisch abgetragen. Unsere stratigraphische Einheit mit der Befundnummer 1 wird in der Regel Fundmaterial, meist Keramik, Tierknochen, aber auch Metalle und so manche andere Überraschung enthalten. Dabei ist besondere Sorgfalt darauf zu verwenden, dieses Fundmaterial immer richtig dem Befund zuzuordnen. Dazu dienen die Fundzettel, aus denen klar hervorzugehen hat, dass die Funde aus dieser Schicht stammen. Denn diese Sorgfalt zahlt sich vor allem in der späteren Aufarbeitung aus, wo über das Fundmaterial eine relative oder mit Hilfe von Münzfunden manchmal sogar eine absolute Chronologie der Befunde hergestellt werden kann. Zum Aufbau der Fundzettel jedoch später mehr.

Sollten wider erwarten recht günstige zeitliche Rahmenbedingungen bei einer Grabungskampagne vorliegen, zahlt es sich aus, die in einer Schicht auftretenden Funde auch jeweils einzumessen und auch Erdproben für botanische Untersuchungen zu nehmen.Dadurch können vielfältige Aussagen über die Funktion von Gebäuden oder Raumeinheiten, über Essgewohnheiten, Abfallwirtschaft oder allgemeine Aussagen über Umweltbedingungen, Flora und Fauna gewonnen werden.

Ist eine Schicht nun vollständig abgetragen, tritt in der Regel eine neue stratigraphische Einheit zutage, für die eine weitere Befundnummer vergeben wird, wobei sorgsam darauf zu achten ist, dass keine Befundnummer zweimal vergeben wird, da sonst in der Aufarbeitung Chaos entsteht.

Die stratigraphische Beziehung zwischen Schicht 1 und Schicht 2 kann nun graphisch in Form einer Matrix dargestellt werden. Diese Beziehung, die nichts anderes aussagt, als dass Schicht 1 über Schicht 2 liegt und damit Schicht 1 jünger als Schicht 2 ist, wird in der Folge für jede weitere Schicht angewandt, wobei die Sache mit der Zeit natürlich komplizierter wird.

So können beim Abtragen von Schicht 1 zwei Schichten (2 und 3) zutage treten, die in keinerlei Beziehung zueinander stehen, außer dass beide Schichten unterhalb von Befund 1 liegen.Diese Beziehungen zwischen den Schichten müssen für jeden einzelnen Befund bei der Aufnahme dokumentiert werden.

Ein weiterer Befund mit der Nr. 4 kann dann sowohl unterhalb von Schicht 2 als auch von Schicht 3 liegen, was dann ebenfalls recht problemlos in der Matrix dargestellt werden kann.

Während der Grabung ist es also wichtig, zum Beispiel für den Befund mit der Nr. 2 auf dem Schichtbeschreibungsblatt anzumerken, dass Schicht 2 unter Schicht 1 und über Schicht 4 liegt.Dabei ist es wichtig, den Überblick zu behalten, da ja die Schichten nach und nach abgetragen werden und vieles danach nicht mehr überprüft werden kann.

Trotz allem technischen Fortschritts wird ein Schichtbeschreibungsformular noch immer per Hand direkt beim Befund ausgefüllt. Theoretisch wäre es natürlich auch per Laptop möglich, allerdings wäre dieser in vielen Fällen einer enormen Staubbelastung ausgesetzt, was die Lebensdauer des Gerätes stark beeinträchtigen würde.

In der ersten Zeile des Schichtbeschreibungsblattes steht der Grabungscode als oberstes Identifizierungsmerkmal. Danach kommt das Datum der Befundaufnahme und als wichtigstes die Befundnummer.

Jede Grabung wird in bestimmte Abschnitte aufgeteilt, die als Schnitte oder Quadranten angesprochen werden. Dieser muss für den jeweiligen Befund ebenso angegeben werden wie die dokumentierte Fläche. Das heißt man trägt innerhalb eines Schnittes Schichten ab und dokumentiert. Jedes Dokumentationsniveau erhält eine fortlaufende Nummer, die eingetragen wird.Danach folgt die von uns gerade ausgeführte stratigraphische Beziehung der Schicht. Also eine Kurzangabe, welche Schicht über welcher unter dem besagten Befund liegt, was auch in Form einer Matrix dargestellt werden kann.Schließlich kommt das Befundbeschreibungsfeld, das verschiedene Kriterien erfüllen soll. Zunächst die Schichtart, also zum Beispiel Lehm, Humus, Kalk, Asche oder Mörtelestrich. Die Konsistenz (fest, locker oder diverse Abstufungen davon) kann von Bedeutung sein, um eine Schicht richtig als Planierung oder Schutt oder Ähnliches anzusprechen. Auch die Farbe ist vor allem während der Aufarbeitung wichtig zur Identifizierung einer Schicht.

Einschlüsse wie zum Beispiel zahlreiche Kieselsteinchen, Holzkohle, Kalkmörtelbrocken, Ziegelsplitt oder anderes, die genau in ihrer Größe und Häufigkeit angegeben werden sollten, charakterisieren das Erscheinungsbild der Schicht und geben eventuell auch Auskunft über das Zustandekommen bestimmter Bauvorgänge.Nivellements wird man nur selten vor Ort eintragen, da diese ja sofort in der jeweiligen Zeichnung vermerkt werden.Im Feld Befundansprache können alle weiteren Interpretationen, die man vor Ort zu einer Schicht vornehmen kann, eingetragen werden. Dieses Feld ist besonders wichtig, weil trotz Foto- und Zeichnungsdokumentation nachträglich die Beurteilung eines Befundes sich immer auf die Beurteilung und Einschätzung des Ausgräbers beziehen wird.Die weiteren Felder beziehen sich auf wichtige Zusatzinformationen; so über das Fundmaterial innerhalb der Schicht, das – wie wir später sehen werden – aber hauptsächlich über die Funddokumentation verwaltet wird.Die Felder Proben/Foto und Zeichnung sind wichtig für schnelle Verknüpfungen mit anderen Datenquellen, die hauptsächlich nachträglich in der Aufarbeitungsdatenbank zur Anwendung kommen.

Darüber hinaus gibt es aber noch viele andere auf der Grabung benutzte Formulare, wie zum Beispiel Fotolisten oder Werkzeugbestandslisten, weitere, die auf spezielle Befunde eingehen. Diese Befunde sind im Prinzip in der Schichtabfolge, also stratigraphisch gesehen auch nicht anders zu behandeln wie jede andere Schicht. Auch sie müssen mittels Matrix in einem relativchronologischen Zusammenhang gesetzt und entsprechend dokumentiert werden. Nur gelten für die Beschreibung zum Teil andere Kriterien, auf welche diese gesonderten Beschreibungsblätter genauer eingehen. So nimmt ein Mauerwerksbeschreibungsblatt vor allem auf die Zusammensetzung der Mauer, Stein- und Ziegelhäufigkeit und Bindemittel wie Kalkmörtel oder Lehm Rücksicht.

Nun kommen wir zu weiteren Strukturen, die auf Ausgrabungen sehr häufig vorkommen, aber nicht als Schichten zu bezeichnen sind. Als Beispiel sei hier eine braune Verfärbung im gelben Löss erwähnt, die in dieser Erscheinungsform alles Mögliche sein könnte – der Rest einer humosen Vegetationsschicht, eine Lage Humus, eine Planierung oder was auch immer. Die Aufgabe, die in diesem Fall ansteht, ist die Entfernung dieser besagten braunen Schicht. Dabei zeigt sich, dass diese Verfärbung extrem tief in den gewachsenen Boden reicht, dass sie also zum Beispiel eine große Grube verfüllt. Die Verfüllschicht erhält dabei eine ganz normale Befundnummer und wird auf dem Schichtbeschreibungsformular entsprechend beschrieben. Nun bleibt aber auch die Negativform der Grube übrig, die ja in dem Sinn nicht als Schicht anzusprechen ist. Die Schicht wäre nur der die Grube umgebende Löss. Die Negativform der Grube aber bezeichnet man im Fachjargon als Interface, was übersetzt so viel wie Grenzfläche heißen soll.

Solche Interfaces können zum Beispiel die Negativformen von ausgerissenen Mauerzügen sein, die dann mit Schutt oder Erde verfüllt wurden. Weitere Beispiele sind Brunnen oder Latrinen, die eine als Interface zu interpretierende Negativform hinterlassen.

Am häufigsten anzutreffen, womit viele von Ihnen schon Erfahrung in Unterlaa gemacht haben dürften, sind aber Pfostenlöcher und Gruben, also oft als kreisrunde oder unregelmäßige Verfärbungen im Boden erkennbare Strukturen, die nach dem Herausreißen oder Vergehen eines Holzpfostens, bzw. nach Verfüllen einer Vorrats- oder Abfallgrube anstehen.Auch für diese Negativformen gibt es eigene Beschreibungsblätter, die vor allem Rücksicht auf die Form des Interface nehmen, also zum Beispiel ob ein Pfostenloch spitz zulaufend, eckig, rund etc. ist oder ob eine Grube sich nach unten verjüngt oder steile Wände hat etc.

Auf dem Blatt wird auch noch einmal extra auf die Verfüllung der Gruben eingegangen, sowohl auf deren Befundnummern als auch auf etwaige Einschlüsse.

Ein letztes Beschreibungsblatt bezieht sich auf die ja durchaus häufig innerhalb des Wiener Stadtgebietes auftretenden Skelettgräber von der Urgeschichte bis in die Barockzeit. Die wichtigsten Kriterien bei der Aufnahme eines Grabes sind Orientierung, Stellung, Arm- und Beinhaltung des Skelettes.In einem extra Skelettblatt kann auch noch dargestellt werden, ob bestimmte Knochen fehlen oder man kann damit bestimmte Merkmale anzeigen bzw. kann es als Hilfe bei der Freilegung des Skelettes dienen, um die Knochen richtig zu identifizieren.

Eine besonders wichtige Aufgabe auf Ausgrabungen ist eine gewissenhafte Fundaufnahme. Wie schon angedeutet, ist es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet essentiell, dass jene in bestimmten Befunden aufgefundenen Fundstücke diesen auch immer richtig zugeordnet sind. Keramik oder andere Materialien, die keine oder eine falsche Befundzuweisung aufweisen, sind wissenschaftlich praktisch wertlos, da sie keinen Kontext mehr zu Gebäuden, Straßen, Gräbern etc. bilden und auch zur chronologischen Einbindung der aufgedeckten Strukturen nichts mehr beitragen können.

Das heißt, der Ausgräber muss beim Abtragen einer Schicht das Fundsackerl neben sich haben, in das er nur die Fundstücke aus dieser Schicht gibt und sonst keine anderen. Dieses Sackerl muss schließlich einen Fundzettel beinhalten, auf dem folgende Angaben einzutragen sind: Ähnlich wie bei den anderen Blättern sind Grunddaten wie Grabungscode und Datum einzutragen. Dazu wie gesagt als wichtigstes Kriterium die Befundnummer, eine Kurzbeschreibung des Befunds, bei eingemessenen Fundstücken auch die entsprechende Niveauangabe. Neben der Befundnummer erhalten die Fundstücke auch noch eine eigene Fundnummer. Man könnte sich nun fragen, ob das nicht zusätzlicher Aufwand ist, wenn das Fundstück nicht sowieso dem Befund durch Angabe der Befundnummer eindeutig zugewiesen ist. Es ist aber so, dass Fundstücke auch noch innerhalb einer Schicht unterschieden werden können. Zum Beispiel bei der Verfüllung einer Grube kann es wesentlich sein, ob das Fundstück am oberen Rand oder an der Sohle der Grube aufgefunden wurde, ähnlich verhält es sich zum Beispiel bei Mauerfundamenten oder bei Estrichböden. Ein Beispiel: ein Fundstück wird einem Estrichboden zugewiesen. Der Estrichboden ist vielleicht 30 Jahre in Benutzung. In diesem Fall kann ein Keramikfragment bei der Herstellung des Estrichs in diesen eingebunden worden sein oder das Fragment lag unmittelbar auf dem Estrich, was wiederum Rückschlüsse auf das Ende des Benutzungszeitraumes geben kann. Genau diesen noch unwesentlichen Unterschied kann man durch das Vergeben von zwei Fundnummern für ein und denselben Befund klarstellen.

Die Fundzettel müssen jeweils zweimal aufscheinen, müssen also abgeschrieben werden, damit sowohl bei den Funden die entsprechende Dokumentation zu finden ist als auch nach der Grabung die Informationen für die Auswertung schnell zur Verfügung stehen. Günstig wäre auch bereits eine Vorsortierung der Materialien in Keramik, Glas- und Metallobjekte, wobei gerade Bronzeobjekte aus Gründen der Restaurierung nicht in Plastik-, sondern in Papiersackerln aufbewahrt werden sollen.Was eine fehlende Ordnung bei der Fundverwaltung auf den Grabungen für Konsequenzen hat, davon können diejenigen, die hier in der Werkstatt mitarbeiten, ein Lied singen. Den weiteren Weg findet das Fundmaterial in die oft massenhaft notwendigen Bananenschachteln, die in die Depots der Stadtarchäologie wandern, um dann nach und nach hier in der Werkstätte gewaschen und beschriftet zu werden.

Über diese vor allem sehr zeitaufwendigen Projekte nach Grabungsende, wozu neben dem Restaurieren der Metallobjekte auch das Zeichnen und Bestimmen der Funde gehört, könnte noch vieles gesagt werden, sprengt aber den Rahmen unserer Übung.

Wir wollen noch einmal auf die Stratigrafie innerhalb einer Grabung zurückkommen, da es sich hierbei um die größte Herausforderung während einer Grabung handelt. Bisher haben wir den sukzessiven Schichtabbau auf der Grabungsfläche behandelt, bei dem jeweils die jüngsten Schichten dokumentiert und danach händisch mit der Kelle abgebaut werden. Eine wichtige Kontrolle für die Schichtabfolge bilden meist Erdprofile, die man gezielt anlegen kann, um genauere Informationen über den Schichtaufbau zu erhalten, die aber auch schon dadurch entstehen, dass man per Bagger neuzeitliche Einbauten wie Kanäle oder Kellermauern entfernt.

Wie die Fläche, so wird auch das Profil gezeichnet, mit Befundnummern für die einzelnen Schichten versehen, die Messnägel am Profil nivelliert, fotografiert und die Schichten mit Hilfe des Schichtbeschreibungsformulars beschrieben. Wenn diese im Profil dokumentierten Befunde im weiteren Verlauf der Grabung auch in der Fläche zum Vorschein kommen, sollten diese auch mit derselben Befundnummer angesprochen werden. Das Profil hilft auch wiederum einen komplexen Schichtaufbau in Form einer Harrismatrix darzustellen.

Die Auswertung der Schichten und ihre chronologische Zuordnung bringt dann im Zuge der Aufarbeitung eine eindeutige Zuordnung der Befunde zu bestimmten Bauphasen, die dann in den für die Publikation vorgesehenen Zeichnungen auch schematisch und natürlich mit Maßstab dargestellt wird.

Das Ende einer Grabung im Wiener Stadtgebiet ist erst im Regelfall dann erreicht, wenn das Grabungsgelände ähnlich einer Mondlandschaft aussieht, das heißt, wenn bis zum anstehenden Löß alle Befunde beseitigt sind und nur noch die Negativabdrücke von Pfosten und Gruben zu erkennen sind.

Die wichtigsten Gebäudestrukturen, Gräber und Straßenbereiche können bei einigermaßen gut dokumentierten Grabungen schon bald nach der Grabung in Form von Gesamtplänen dargestellt und in Vorberichten publiziert werden.

Noch schneller stehen Pläne zur Verfügung, die mit Hilfe des TachyCAD-Systems erstellt worden sind. Hier hat sich gezeigt, dass bereits während der Ausgrabung Besuchern Planunterlagen präsentiert werden konnten, wie es bei einem Besuch einer Delegation des ÖGB bei der Grabung Wipplingerstraße 35, die ihnen einen Überblick über die gerade sichtbaren Ausgrabungsergebnisse verschaffte, möglich war. Aber auch Statiker, Bauherren und Architekten sind an uns herangetreten, um unsere Planunterlagen und Niveauwerte zu nutzen.

Schließlich möchte ich Ihnen noch kurz eine auch für uns noch sehr neuartige Methode der Befundaufnahme vorstellen, die vor allem bei der Aufnahme von Mauern und Skeletten eine enorme Zeitersparnis bei den Grabungen mit sich bringt. Es geht dabei um das Bildentzerrungsprogramm PhotoPlan, mit dem Fotos mit Hilfe von Passpunkten entzerrt und in der Folge in einen gezeichneten Plan eingepasst werden können. Das erste Mal wurde diese Methode erfolgreich für die frühbronzezeitlichen Gräber am Rennweg angewandt.

Gerade für die Aufnahme der alten Bastei- und Stadtbefestigungsmauern, die in der Wipplingerstraße, in der Weihburggasse und jetzt im Ronacher unzählige Male zu dokumentieren waren, bewährt sich dieses Programm außerordentlich und wir stehen da noch am Anfang einer sehr erfolgversprechenden technischen Entwicklung.

Ich hoffe, Sie haben damit einen einigermaßen verständlichen Überblick über die grundlegenden Anforderungen von Ausgrabungen im Wiener Stadtgebiet erhalten, ein Aspekt, der vielleicht in dem nur theoretisch abgehandelten Thema zu kurz kam, ist die körperliche Anstrengung, die eine derartige Arbeit mit sich bringt, aber auch das nicht zu unterschätzende Sicherheitsrisiko und die hohe Verantwortung, welche die Grabungsleiter für ihre Tätigkeit aber auch für die Mitarbeiter haben.