Von schwarzen Schichten aller Art

Ingeborg Gaisbauer

Immer wieder begegnen wir in der Archäologie Begriffen wie „Schwarze Schicht“, „Brandschicht“, „Zerstörungsschicht“ oder sogar „Zerstörungshorizont“.  Worum handelt es sich dabei eigentlich genau? Was dürfen wir uns unter diesen Begriffen vorstellen? Oder, anders gefragt: wie „dürfen“ Befunde „aussehen“, welche Kriterien müssen sie erfüllen, um mit einem dieser Begriffe bedacht werden zu können ? Im Folgenden soll versucht werden, diesen Wortschöpfungen etwas auf den Grund zu gehen.

Die „Schwarze Schicht“

Zurzeit versteht man unter diesem Begriff ganz allgemein die „Grenzschicht“/„Verbindungsschicht“ zwischen römischen und mittelalterlichen Befunden: eine mehr oder weniger massive Bodenbildungsschicht von dunkelbrauner bis schwarzer Farbe, unterschiedlich zusammengesetzt, aber zumeist als weitgehend „humos“ beschrieben.

Abb. 1: „Schwarze Schicht“ am Judenplatz

Abb.2: „Schwarze Schicht“ am Michaelerplatz

aus dem frühen 12. Jh., einige wohl auch aus der Zeit um 1100.

 „Schwarze Schicht“ contra „Brandschicht“/„Zerstörungshorizont“

In der Wiener Forschung gibt es keine kontinuierliche Begriffsentwicklung zur „Schwarzen Schicht“. Ladenbauer-Orels Beschreibung einer Brandschicht ist nicht die „falsche Vorstufe“ für die „richtig erkannte“ Bodenbildungsschicht sondern eine eigene wissenschaftliche Fragestellung mit eigenen Versuchen einer neueren Bewertung.

Ladenbauer berichtete von einer massiven „Brandschicht“ mit einer gewissen Bandbreite von Erscheinungsformen und lieferte von der „Vielgestaltigkeit“ dieser Schicht auch jeweils kurze Beschreibungen: So handelte es sich bei der Schicht in Sterngasse 5 um eine 10 cm starke reine Holzkohleschicht, während sie am Ruprechtsplatz 4 und 5 bedeutend dicker (ca. 20–30 cm), aber auch insofern anders beschaffen auftrat, als dort die Holzkohle mit Erde vermischt war; wieder etwas anders präsentierte sie sich in der Judengasse 5, wo es sich um eine wenige Zentimeter dicke Rußschicht handelte, wobei aber an dieser Stelle von Ladenbauer-Orel bereits weitere, hier nicht berücksichtigte Zwischenformen angenommen wurden. Eine Radiokarbondatierung erbrachte ein Datum um 400.

Bei aller Bandbreite der beschriebenen Erscheinungsformen lässt sich keine von ihnen mit dem Modell einer über einen langen Zeitraum angewachsenen Bodenbildung gleichsetzen, wie sie z. B. bei der Ausgrabung auf dem Judenplatz dokumentiert wurde.

Ladenbauer-Orel interpretierte denn auch ihre Beobachtungen eindeutig als eine „Brandschicht“, genauer gesagt: als einen „Zerstörungshorizont“. Mag auch die genaue Datierung dieser Schicht sich mit den Jahren etwas verändert haben und Ladenbauer ihre „Brandschicht um 400“ nach und nach etwas später angesetzt haben, so findet sich auch noch in ihren neuesten Publikationen ihre Überzeugung, dass es sich dabei um die Spuren bzw. Überreste eines verheerenden Brandes handeln müsse.

Einem wiederum anderen Ansatz folgt S. Felgenhauer-Schmidt basierend auf der Schichtenbeobachtung am Ruprechtsplatz. Auch sie attestiert der dort untersuchten „Problem“-Schicht im weiteren Sinne den Charakter einer Brandschicht (auch wenn sie von einem etwas geringeren Holzkohlegehalt der Schicht schreibt als Ladenbauer-Orel), doch sind nach ihren Beobachtungen auch Elemente einer Planierschicht vorhanden: Umstände, die auch auf Brandrodung hinweisen können. Wäre die Schicht tatsächlich durch einen mehr oder weniger unkontrollierten Brand entstanden, hätte man sich nach solcher Zerstörung wohl kaum die Mühe gemacht, für eine so relativ regelmäßige Oberkante dieser Schicht zu sorgen, wie sie sich am Ruprechtsplatz zeigte.

Exkurs zu „Brandschichten“ und „Zerstörungshorizonten“

Da es ganz unterschiedlich motivierte holzkohlehaltige Schichten in Wiens Untergrund gibt, ist es nötig sich mit der Frage der Holzkohle- und in weiterer Folge „Brand- und Zerstörungsschicht“ etwas genauer auseinanderzusetzen. Vor allem ist es wichtig festzuhalten, dass es sich bei der Bezeichnung „holzkohlehaltige Schicht“ um eine relativ wertfreie und leidlich objektive Ansprache handelt, während der Begriff „Brandschicht“ und  – in noch viel höherem Maße – der Begriff „Zerstörungsschicht“ eine deutliche und möglicherweise voreilige Interpretation enthalten.

Unter dem Begriff „Brandschicht“ versteht man zumeist eher dünne, stark mit Holzkohle und Asche angereicherte Schichten, die sich oft als recht auffällige schwarze Bänder von den zugrundeliegenden und überlagernden Befunden abheben. Die Kernfrage, die sich dabei – vor allem in römischen Befundzusammenhängen – stellt, ist, ob es sich hier wirklich um die Überreste von Bränden handelt oder ob sich für diese Art von Befunden nicht vielleicht auch eine andere plausible Erklärung finden lässt.

Gerade in Bereichen des Legionslagers, wo schon durch verschiedene Ausgrabungen Hypokaustanlagen nachgewiesen sind – also z. B. in der NO-Ecke des Lagers, wo Ladenbauer-Orel ihre Beobachtungen machte, bietet sich noch eine andere Lösung für die Entstehung solcher Schichten an. Die Hypokaustheizungen verschlangen nicht nur Unmengen an Holz, sie erzeugten auch große Mengen an Asche, die entsorgt werden musste. Das Einplanieren dieser Abfälle ist eine nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit für das Entstehen einer solchen Schicht.

Anders verhält es sich mit der im Bereich Ruprechtsplatz festgestellten holzkohlehaltigen Schicht, die von Felgenhauer mit mittelalterlichen Brandrodungsmaßnahmen in Verbindung gebracht wurde. Ein vergleichbarer Befund wurde in der Jordangasse

Abb. 3: „Schwarze Schicht“ und Holzkohleschicht darüber

im Bereich Artiskino angetroffen und detailliert dokumentiert. Hier zeichnete sich direkt über einem Befund, bei dem es sich um die „Schwarze Schicht“ handeln dürfte, eine verhältnismäßig dünne, holzkohle- und aschehaltige Schicht (mit Keramik aus dem 12. Jh.) ab, d. h.  hier spricht der Befund bzw. die Schichtabfolge noch überzeugender – weil besser dokumentiert – ebenso wie am Ruprechtsplatz für mittelalterliche Brandrodungsmaßnahmen, die aber offenbar später stattfanden als im Bereich Ruprechtsplatz: Werden die ersten mittelalterlichen Aktivitäten am Ruprechtsplatz auf Grund der keramischen Funde wie schon erwähnt am ehesten dem 10. Jh. zugeordnet, so datieren jene in der Jordangasse offenbar eher ins 12. Jh.

Selbstverständlich kann eine dünne Holzkohleschicht durchaus auch mit einer einfachen Feuerstelle zusammenhängen.

Offene Feuerstellen ohne besondere Konstruktionen kommen im hochmittelalterlichen Wien häufig vor,  finden sich aber auch immer wieder im Legionslager.

Noch weit problematischer, da ausschließlich Interpretation und nicht einmal in Ansätzen Befundansprache, ist der weit gespannte und verschiedentlich bemühte Begriff des „Zerstörungshorizontes“. Einen solchen Zeugen für das gewaltsame Ende des Legionslagers sah Ladenbauer in der von ihr postulierten „Brandschicht um 400“.

„Zerstörungsschichten“, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen, können auf verschiedenste Art und Weise entstanden sein. Zur Zerstörung eines Objektes kann es sowohl durch feindliche Einwirkung als auch durch einen gänzlich unbeabsichtigten Brand kommen. Bei der Zerstörung eines auch nur teilweise aus Stein gebauten Objekts müsste der Zerstörungsbefund mächtiger ausfallen und es wäre auch Schutt, Mörtel und Steinmaterial zu erwarten. Ein richtiger „Zerstörungshorizont“ würde – je nach Definition – sogar mehrere zeitgleiche Zerstörungsschichten voraussetzen.

Schlussbemerkungen: Kontinuität und Diskontinuität

Eben weil Überlegungen zur „Schwarzen Schicht“ fast immer mit der Frage nach Siedlungskontinuität und -diskontinuität verknüpft sind, ist wichtig, sich über Folgendes im Klaren zu sein: Die „Schwarze Schicht“ alleine ist nicht in der Lage, die Frage nach einer Besiedlungsunterbrechung positiv zu beantworten. Bei den Ursachen für die Bildung der „Schwarzen Schicht“ handelt es sich den bisherigen Forschungsergebnissen nach um eine nicht typisch städtische Nutzung eines städtischen oder stadtähnlichen Areals. Dieser besondere Befund kann also nur aussagen, dass sich die Nutzung eines Siedlungsplatzes radikal geändert hat. Die Ursachen reichen von Tierhaltung über rein landwirtschaftliche Nutzung (ohne weiteres Eingreifen) bis zu einer tatsächlichen Aufgabe des Standortes.

Der Mangel an Funden zwischen dem 6. und dem 10. Jh. weist darauf hin, dass sich keine nennenswerte mittel- oder längerfristige Siedlungstätigkeit im Gebiet des ehemaligen Legionslagers abgespielt hat.

Kurzfristige und kleinräumige Besiedlung lässt sich auf diese Weise natürlich nicht ausschließen.

Abb. 4: Fundpunkte „Schwarze Schicht“