Welt der Etrusker I – Herkunft, Geschichte, Religion

von Mag. Sylvia Sakl-Oberthaler

In der Antike gab es zur Herkunft zwei Theorien. Der griechische Schriftsteller Herodot erzählt, dass im 13. Jh. der lydische Königssohn Tyhrrenos nach einer Hungersnot mit einem Teil seines Volkes nach Mittelitalien ausgewandert sei. Daher kommt ihr griechischer Name tyrrhenoi. Sie selbst nannten sich rasenna, die Römer tusci bzw. etrusci. Dionysios von Halikarnass behauptet, die Etrusker hätten ihre Wurzeln in Italien. Für beide Theorien gibt es tatsächlich Argumente. Die heutige Forschung spricht im Zusammenhang mit solchen Phänomenen von „Volkwerdung“ und meint damit das Zusammenwachsen mehrerer Komponenten, die zur Entstehung einer bestimmten Kultur beitragen. Für die Entwicklung der etruskischen Kultur scheinen die folgenden drei Komponenten ausschlaggebend gewesen zu sein:

  • das italische Element in Form der Belverde-Cetona Kultur (1900 – 1000 v. Chr.),
  • die in Europa von 1200 bis 750 v. Chr. dominante Urnenfelderkultur
  • und nicht zuletzt auch der Einfluss der Gruppe der „Tyrrhener“, die aus dem östlichen Mittelmeerraum einwanderten und sich bereits auf einer höheren Kulturstufe befanden, als die ortsansässige Bevölkerung.

Dieser kulturbildende Prozess war im 8. Jh. mit der sog. „Villanovaperiode“ und der darauffolgenden orientalisierenden Phase abgeschlossen.

Die etruskische Vorgeschichte besteht in der bereits erwähnten spätbronzezeitlichen Belverde-Cetona-Kultur (1900 – 1000 v. Chr.), einer Jäger- und Sammlerkultur, die als Begräbnisritus die Körperbestattung bevorzugte. Sie wird abgelöst von der sogenannten Proto-Villanovaphase im 10. Jh. Die Menschen dieser Kulturstufe lebten bereits in Hüttensiedlungen. Sie bestatteten die Asche ihrer Toten nach der Leichenverbrennung in Urnen.

Villanovaperiode (9. und 8. Jh.): Sie kann als direkte Vorstufe der etruskischen Kultur betrachtet werden, da sich ihre Siedlungen interessanterweise meist schon an der Stelle der späteren etruskischen Städte befanden. Die Epoche wurde nach dem wichtigsten Fundort Villanova nahe bei Bologna benannt. Die Villanovaleute lebten weiterhin in Hüttensiedlungen, verbrannten ihre Toten und bestatteten sie in Urnen. Diese Kulturstufe weist eindeutige Einflüsse der Urnenfelderkultur auf. In dieser Zeit entwickelten sich bereits die groβen Küstenstädte wie Tarquinia, Cerveteri, Vetulonia und Populonia. Als wichtiger Wirtschaftsfaktor erwies sich der Abbau von Metallen wie Zink, Silber, Blei und auch Eisen. Groβe Bedeutung hatte der kulturelle Einfluss der griechischen Kolonien in Süditalien, mit denen im Austausch gegen die gewonnenen Edelmetalle Handel getrieben wurde.

Dieser Kulturaustausch führte zur Ausbildung der sogenannten „orientalisierenden Epoche“ (Ende 8./7. Jh.), die ihren Namen auf Grund des starken Einflusses der orientalischen Kunst auf die etruskische erhielt. In dieser Zeit vollzog sich der Wechsel von einer dörflichen Gesellschaft zur Stadtkultur. Es bildeten sich Stadtstaaten, vergleichbar mit den griechischen poleis. Bald danach wurde der etruskische Zwölfstädtebund gegründet, dem abwechselnd Veji, Caere, Tarquinia, Vulci, Rosellae, Vetulonia, Populonia, Volsinii, Chiusi, Perugia, Cortona und Arezzo angehörten. Die bisher relativ gleichberechtigte Gesellschaft wandelte sich zu einer Adelsgesellschaft. Regiert wurde sie von durch den Adel gewählten Königen, den lucumoni. In diese Zeit fällt auch die bereits anfangs erwähnte Einwanderungswelle einer Bevölkerungsgruppe aus dem Ostmittelmeerraum, mit deren Hilfe sich dann der Wandel zur etruskischen Hochkultur vollzog. Die zweite Hälfte des 7. Jh. brachte auβerdem bedeutende Landzuwächse in Latium und Campanien. In Rom kam zur selben Zeit die etruskische Königsdynastie der Tarquinier an die Macht.

Das 6. Jh. war in jeder Hinsicht eine Blütezeit. Durch Fernhandel kamen eine Vielzahl ausländischer Kunstgegenstände – u.a. eine bedeutende Menge griechischer Vasen – nach Etrurien. Die griechische Kunst übte jetzt einen starken Einfluss auf Wandmalerei und Plastik der Etrusker aus. Zu sozialen Veränderungen führte der Sturz der Monarchie am Ende des 6. Jh. Der Seesieg der etruskischen Flotte bei Alalia 540 v. Chr. ermöglichte die Kontrolle über Sardinien gemeinsam mit den Karthagern. In Rom ging die Herrschaft der Tarquinier zu Ende, die römische Republik entstand. Etrurien verlor dadurch seinen Einfluss in Latium. Als Gegenpol kam es zur Kolonialisierung der Poebene und in der Folge zur Gründung eines zweiten nordetruskischen Städtebundes mit dem Zentrum Felsina (Bologna).

Im 5. Jh. verlagerte sich die politische und wirtschaftliche Macht nach Inneretrurien. Städte wie Chiusi, Volterra und Volsinii gewannen an Bedeutung. Die Niederlage der Flotte gegen Hieron von Syracusa bei Cumae 474 v. Chr. beendete die etruskische Seeherrschaft. Die alten Küstenstädte wie Cerveteri, Vetulonia und andere erlebten einen Niedergang. Dafür kam es zu einer wirtschaftlichen  und kulturellen Blüte der Städte in der Poebene. Von hier aus entwickelten sich Handelskontakte nach Norden über die Alpen. Über die Häfen an der Adria gelangten erneut unzählige griechische Vasen nach Etrurien. An der politischen Front kam es allerdings zu ersten Konflikten mit dem neuen Machtfaktor Rom. Und als zweite Bedrohung von auβen begannen um 400 v. Chr. die ersten Galliereinfälle der Städte in der Poebene zu beeinträchtigen.

Das 4. Jh. gestaltete sich auβenpolitisch unruhig. Die Römer begannen durch erste Vorstöβe nach Norden ins etruskische Gebiet mit einer allmählichen Machtübernahme. Andererseits verstärkten sich die Vorstöβe der Gallier nach Süden. Auf diese Weise wurden die Etrusker auf ihr ursprüngliches Kerngebiet zurückgedrängt. Die Uneinigkeit der etruskischen Stadtstaaten untereinander schwächte diese noch zusätzlich und beschleunigte die römische Machtentfaltung. Rom konnte jetzt bereits die ersten Städte in Etrurien erobern: Arezzo, Cortona, Perugia, Tarquinia.

Das 3. Jh. führte dann zur endgültigen politischen Eroberung durch Rom. Beinahe alle etruskischen Städte wurden unter Beibehaltung einer gewissen Autonomie ins römische foedus-System als eine Art Vertragspartner eingegliedert. Neue Straβen wurden gebaut, Gebiete konfisziert. Rom gewann also stets an Einfluss. Andererseits führte man nun gemeinschaftlich einen Abwehrkampf gegen die weiter andauernde Bedrohung durch die Eroberungsversuche der Gallier. Die etruskischen Städte mussten die Römer auch bei ihrem Kampf gegen die Karthager durch reiche Spenden an Rohstoffen unterstützen. Einige Städte versuchten allerdings auch, sich gegen die neue Groβmacht aufzulehnen.

Die Endphase der politischen und kulturellen Romanisierung Etruriens fällt ins 2. und 1. Jh. In dieser Zeit konnten die Mitglieder einiger etruskischer Familien zu römischen Senatsmitgliedern aufsteigen. Die Entstehung von latifundien, Landgütern die mit Hilfe unzähliger Sklaven bewirtschaftet wurden, vernichtete das Agrarwesen Südetruriens. Kulturell kam es zu einer letzten Blütezeit der Städte im Norden. Nach dem Ende des römischen Bundesgenossenkrieges 88 v. Chr. kam es zur endgültigen Verschmelzung mit Rom. Alle Städte erhielten das römische Bürgerrecht und wurden in municipia umgewandelt. Die Errichtung der Regio VII Etruria im Jahre 27 v. Chr. bei der Neuordnung Italiens durch Kaiser Augustus schloss diesen Prozess ab. Das Bewusstsein für die etruskische Traditionen war bei den Römer jedoch stets vorhanden und wurde von ihnen auch ganz bewusst am Leben erhalten.

Die etruskische Religion ist eine Offenbarungsreligion (wie z. B. auch Christentum, Judentum und Islam). Das heiβt, die Verkündigung des religiösen Wissens erfolgte durch einen Propheten. In der Offenbarungslegende wird erzählt, wie tarchon, dem mythischen Begründer Tarquinias beim Pflügen der Knabe tages erschien, und ihm die Entstehung der Welt und der Götter erklärte, um anschlieβend wieder in einer Ackerfurche zu versinken. Diese Erkenntnisse wurden niedergeschrieben und bildeten eine Sammlung von Büchern, die etrusca disciplina, die später auch von den Römern übersetzt und kommentiert wurden. Zur diciplina gehörten nach Cicero die libri haruspicines , die sich mit der Eingeweideschau, also der Zukunftsdeutung aus der Leber von Tieren befassten. Die libri fulgurales schilderten die Vorgangsweise bei der Ausdeutung von Blitzen, die man als wichtiges Mittel der Götter zur Verkündigung von privaten und politischen Ereignissen ansah. Dazu wurde der Himmel in sechzehn Regionen eingeteilt, die den einzelnen Gottheiten zugewiesen wurden. Die Richtung der Blitze war also ausschlaggebend für ihre Deutung. Die libri rituales enthielten die Regeln für Städtegründungen, die Weihung von Tempeln und Altären. In ihnen waren auch die libri acheruntici mit der Jenseitslehre und die libri fatales (Schicksalsbücher) enthalten. Hier wurde die Säkularlehre verkündet, die die gesamte dem etruskischen Volk von den Göttern bemessene Zeit in 10 saecula (von unterschiedlicher Länge) einteilt. Allerdings sind uns Beginn und Ende dieser Zeitspanne heute unbekannt.

Die religiösen Riten wurden von Priestern in einer speziellen Amtstracht vollzogen. Auguren nannte man jene Priester, die die Vogelschau durchführten. Es gab zwei Varianten: beim augurium wurden Vögel aus Käfigen freigelassen, deren Flugverhalten man dann beobachtete. Für die auspicin beobachtete man frei fliegende Vögel. Der Priester der die Eingeweideschau und die Blitzdeutung durchführte hieβ haruspex und trug als Zeichen seiner Würde einen Hut mit hohem Aufsatz. Viele der etruskischen Riten wurden später aus Traditionsbewusstsein von den Römern übernommen.

Die Etrusker kannten eine Vielzahl von Göttern, einen Teil von ihnen könnte man als „nahe Verwandte“ der griechischen Götter bezeichnen. Dazu gehören in = Zeus, uni = Hera, menvra = Athene (Minerva), sethlans = Hephaistos, turms = Hermes, maris = Ares. Dazu kommen zahlreiche Halbgötter und Heroen ohne Ähnlichkeit mit der griechisch-römischen Götterwelt, die wir vor allem von zahlreichen Darstellungen auf etruskischen Bronzespiegeln kennen. Dazu kommen noch die genien und lasen, die als Begleiterinnen der höheren Götter auftreten. Eine Reihe von sehr furchterregend aussehenden Dämonen wie der Unterweltsdämon charon zeigt, vervollständigen das Bild.

Fortsetzung (Teil 2): Schrift und Sprache, Lebensstil (Moral und Ethik, Vergnügungen, Kunst, Wohnen, Totenkult = Jenseitsvorstellungen, Grabformen)

19.12.2005