Welt der Etrusker II – Schrift, Sprache Lebensstil

von Mag. Sylvia Sakl-Oberthaler

Eine wesentliche Ursache für die Mystifizierung der Etrusker war und ist die Tatsache, dass ihre Sprache mit Ausnahme weniger Wörter bis jetzt nicht ausreichend übersetzt werden kann. Dies liegt daran, dass sie sich mit keiner sonst bekannten Sprache vergleichen lässt. Sie enthält sowohl vorindogermanische als auch indogermanische Elemente. Hingegen handelt es sich beim etruskischen Alphabet um nichts anderes als ein altertümliches griechisches, welches meist von rechts nach links geschrieben wurde. Damit sind die Texte zwar alle durchaus lesbar, aber nur wenige davon übersetzbar. Bis heute sind ca. 8000 Inschriften bekannt. Zu den berühmtesten und längsten gehört die sogenannte Agramer Mumienbinde (Liber linteus), ein Text, in dem die korrekten Termine für bestimmte Opferrituale festgehalten sind. Durch kuriose Umstände wurde der auf eine leinene Buchrolle geschriebene Text nachträglich als Mumienbinde verwendet und gelangte schließlich mit der dazugehörigen Mumie in das Museum von Zagreb. Eine weitere bedeutende Inschrift befindet sich auf dem Cippus Perusinus, einem Grenzstein aus Perugia, auf dem die nach einem Rechtsstreit festgelegten Besitzverhältnisse aufgezeichnet sind. Dazu kommen noch die Goldtäfelchen von Pyrgi, mit einer zweisprachigen Inschrift in etruskischer und punischer Sprache, die Bleitäfelchen von Magliano mit Götternamen und Opfervorschriften, sowie unzählige Inschriften in Gräbern, auf Statuetten, Vasen, und anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Alle diese Texte geben aber nur ein begrenztes Spektrum der etruskischen Sprache wieder. Ihre Grammatik ist nach wie vor beinahe vollständig unbekannt.

Über die Sitten und Gebräuche der Etrusker können nur die Grabmalereien und die Darstellungen auf Sarkophagen und Urnen sowie die unzähligen Beigaben in den Gräbern Auskunft geben. Einige Rückschlüsse lassen auch die Berichte römischer Schriftsteller zu.

Das führt uns sogleich zum Thema Moral und Ethik. Denn diesbezüglich war das Urteil ihrer antiken Zeitgenossen von Vorurteilen geprägt. Den Römern und auch den Griechen galten die Etrusker nämlich als zügelloses Volk. Die überlieferten Bildzeugnisse liefern jedoch keinerlei stichhalten Anhaltspunkte dafür. Zwar zeigt sich auf ihnen durch die vielen Tanz-, Bankett- und Wettkampfszenen eine lebensfrohe Kultur, wo auch bei der Totenfeier gegessen, getrunken und getanzt wurde und Wettkämpfe stattfanden. Unser Wissen über die etruskische Religion (siehe Welt der Etrusker – I) deutet jedoch eher auf eine hochentwickelte Kultur mit einer starken Bindung an die Götter hin. Der Grund für das harte Urteil ihrer Zeitgenossen dürfte auf gewisse altertümliche Bräuche zurückzuführen sein, die den Griechen und Römern unverständlich waren. So war die Stellung der etruskischen Frau wesentlicher freier und selbständiger, als die der Griechin oder Römerin. Auf den Grabbildern sind Frauen als Teilnehmerinnen an den Banketten sowie bei Tänzen und Wettkämpfen zu sehen. Bezeichnend sind auch ihre Eigennamen, bei dem der Vorname zusätzlich einen Hinweis auf die Stellung der Trägerin innerhalb der Familie enthält. Der hier dokumentierte höhere Stellenwert der Frau in der etruskischen Gesellschaft hängt u. a. damit zusammen, dass in der im vorindoeuropäischen Kulturkreis verwurzelten Kultur der Etrusker die „Große Mutter“ als oberste verehrte Gottheit weiblich war.

Nun zur Kunst: Zu den bedeutendsten Kunstschöpfungen gehört die bereits erwähnte Wandmalerei, deren berühmteste und schönste Beispiele sich vor allem in den Nekropolen von Tarquinia, Vulci, Orvieto und Chiusi finden.

Eine zweite Kunstgattung, in der etruskische Künstler Hochleistungen vollbrachten, sind die unzähligen zum Teil überlebensgroßen bunt bemalten Tonplastiken, die man in komplizierten ein- und mehrteiligen Formen herstellte. Sie wurden als Dekoration für Tempelfirste, Tempelgiebel, Wandschmuck und Dächer verwendet. Aus Ton wurden außerdem Aschenurnen gemacht, die häufig als menschliche Figuren gebildet waren.

Bedeutsam ist auch die vor allem in Nordetrurien perfektionierte Kunst der Steinbildhauerei. Steinerne Skulpturen schmückten hier als Rundplastiken oder Stelen mit Reliefs die Gräber von Felsina (Bologna), Chiusi und Fiesole. Eine eigene Kunstgattung bilden die aufwendig mit Reliefschmuck verzierten hellenistischen Urnen aus Volterra und Perugia, auf denen meist Szenen aus der griechischen Mythologie dargestellt sind.

Eine weitere künstlerische Domäne war die Goldschmiedekunst, in der sie es zur höchsten Meisterschaft brachten und nicht zuletzt die Verarbeitung von Bronze in verschiedenen Techniken wie Treibarbeiten, und Bronzeguss, in dem sie ebenfalls außerordentliches geleistet haben.

Über das Wohnen der Etrusker geben einige wenige teilweise freigelegte Siedlungen (z. B. Roselle, Aquarossa, San Giovenale, Marzabotto) Auskunft. Die Mehrzahl der einstigen etruskischen Städte liegt jedoch unter den mittelalterlichen und bis heute kontinuierlich besiedelten Städten der Toskana, Umbrien und Latiums (z. B. Chiusi, Volterra, Orvieto, Perugia, Siena u. v. m.) begraben.

Weit mehr wissen wir dagegen über ihre Totenstädte, die sich meist an den Abhängen oder in der Ebene unterhalb der Siedlungen befanden und daher schon früh entdeckt und ausgegraben wurden. Unter den mannigfaltigen Grabformen sind die monumentalen Tumulus (Hügel) Gräber der Fürsten (z. B. Populonia, Vetulonia), die in regelrechten Straßensystemen angeordneten Würfelgräber, die unterirdischen Hypogäen mit oft zahlreichen (bemalten oder architektonisch ausgestalteten) Grabkammern (z.B. Tarquinia, Cerveteri) und nicht zuletzt die direkt gehöhlten Felsgräber (v. a. in der Umgebung von Viterbo) die wichtigsten. Unser Wissen über den Totenkult der Etrusker ist daher weit vollständiger als jenes über ihre Gepflogenheiten im täglichen Leben. Bemerkenswert beim Totenkult sind vor allem drei Tendenzen: Zunächst sollte offensichtlich die irdische Gestalt des Toten in irgendeiner Form erhalten werden. Dies wurde vor allem durch die Beisetzung in menschengestaltigen Aschenurnen (sog. Kanopen) oder solchen mit Deckefiguren als Abbild des Toten versucht. Sodann wurde der Verstorbene für sein Weiterleben im Grabe ausgestattet, indem man ihm Schmuck, Waffen und Hausrat mitgab. Darüber hinaus zeigen unzählige Grabmonumente eine art Reise des Toten ins Jenseits, die wohl sein Unsterbliches antreten musste. Wie in allen religionskundlichen Fragen – vor allem bei einer Kultur wie der Etrusker ohne ausreichende schriftliche Quellen – muss jedoch auch beim Totenkult vieles im Unklaren bleiben!

15.03.2007