Die römischen Truppen in Niederösterreich

von Mag. Martin Mosser

In einem Vortrag am 7. Juli 2004 im Rahmen der Tagung „Die Römer in Niederösterreich“ – der hier wiedergegeben wird -wurde versucht, das römische Niederösterreich aus dem Blickwinkel der am niederösterreichischen Donaulimes in den diversen Kastellen stationierten militärischen Einheiten näher zu bringen, zumal das römische Heer unbestritten als bedeutendster Faktor bzw. als hauptverantwortlich für den Romanisierungsprozess in den Provinzen gilt.

Die Lokalisierung der Kastelle und Legionslager, die Truppenbewegungen sowie Informationen über die von diesen militärischen Strukturen ausgehenden Gesellschaftsformen können über verschiedene Arten von archäologischen, epigraphischen und althistorischen Quellen transparent gemacht werden.

Wissenswertes liefern dazu in erster Linie die Ausgrabungen in den jeweiligen Kastellen, die Steindenkmäler derTruppenangehörigen und ihrer Verwandtschaft, die Verbreitung der von den jeweiligen Einheiten gestempelten Ziegeln sowie Militärdiplome. Daraus lassen sich schließlich soziokulturelle und administrative Veränderungen während der gesamten römischen Epoche fassen: beginnend mit der Provinzwerdung im 1. Jahrhundert n. Chr., über eine Phase der Stabilisierung und Konstituierung der Lager und Kastelle, der angegliederten Vorstädte und Dörfer sowie des weiteren Umlandes im 2. und 3. Jahrhundert – bis hin zu den Krisen des späten 3. Jahrhunderts und der spätrömischen Neuordnung der militärischen und zivilen Verwaltung.

Die mittlere Donau bildete in den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die natürliche Grenze des römischen Machtbereiches zu den germanischen Stämmen im Norden und Osten. Das Gebiet des heutigen Niederösterreich südlich der Donau war dabei Teil der beiden kaiserlichen Provinzen Noricum und Pannonien, wobei der Wienerwald die Grenze bildete. Diese beiden Provinzen zeigen allerdings von Anfang an wesentliche Unterschiede in ihrer Verwaltung, was in der Folge auch unmittelbare Konsequenzen für die Zusammensetzung und Aufteilung der militärischen Einheiten auf den jeweiligen Territorien nach sich gezogen hat. Diese Unterschiede haben historische Wurzeln.

Das wahrscheinlich im Zuge der Alpenfeldzüge des Tiberius und Drusus im Jahre 15 v. Chr. ohne militärische Auseinandersetzung annektierte keltische Klientelkönigreich Noricum bekam Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. unter Kaiser Claudius den Status einer Provinz. Rom begnügte sich dabei einen procurator aus dem Ritterstand als Statthalter einzusetzen und eine militärische Besatzung auf Hilfstruppenverbände zu beschränken.

Provinzhauptstadt und Statthaltersitz war bis zum Ende des 2. Jahrhunderts das im Süden der Provinz gelegene Virunum im heutigen Kärntner Zollfeld, also weit weg von den ab flavischer Zeit, also ab dem letzten Drittel des 1. Jahrhunderts an der Donau angelegten Kastellen der Auxiliartruppen.

Anders die Situation in Pannonien: Die Unterwerfung der Provinz – vor allem der keltischen und illyrischen Stämme im südlichen Bereich, im Gebiet von Drau und Save sowie im dalmatinischen Raum, – gestaltete sich äußerst schwierig. Über einen Zeitraum von mindestens 25 Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der einheimischen Bevölkerung, die nur mit größter Mühe niedergeschlagen werden konnten. Der letzte dieser Aufstände stand dabei in einem unmittelbaren Bezug zum niederösterreichischen Donauraum.

Im Jahre 6 n. Chr., als die Römer unter Kaiser Augustus noch die Absicht hatten die germanischen Gebiete östlich des Rheins und nördlich der Donau unter ihre Kontrolle zu bekommen, versuchten die beiden Feldherren Sentius Saturninus vom Rhein aus und Tiberius von der Donau her den im böhmischen Raum herrschenden germanischen König Marbod durch eine doppelte Offensive in die Zange zu nehmen. Velleius Paterculus überliefert uns in diesem Zusammenhang, dass die Legionen des Tiberius- nach Lawrence Keppie waren das mindestens sieben Legionen, also an die 40 000 Mann – in Carnuntum in einem Marschlager stationiert waren, als im südpannonischen Raum Aufstände begannen, wodurch Tiberius gezwungen war mit Marbod Frieden zu schließen, den Feldzug abzubrechen und die Legionen gegen die Aufständischen zu richten.

Die Aufstandsbewegungen dauerten immerhin noch weitere drei Jahre, ehe im Jahre 9 n. Chr. die Provinz Pannonien eingerichtet werden konnte.

Carnuntum, das noch im Jahr 6 n. Chr. nach Velleius Paterculus dem allerdings zu diesem Zeitpunkt schon annektierten Königreich Noricum angehörte, war spätestens unter Kaiser Claudius ein pannonischer Legionsstandort.

Die nun von einem Statthalter im Senatorenstand verwaltete Provinz Pannonien erhielt neben zahlreichen Hilfstruppen zu seiner Sicherung drei und bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. sogar vier Legionen.

Dabei stand zunächst der Schutz der Bernsteinstraße im Vordergrund, ein bedeutender Handelsweg, der den Hafen von Aquileia mit den Bernsteinvorkommen an der Ostsee verband. Dieser führte über Emona (Ljubljana), Poetovio (Ptuj), Savaria (Szombathely), Scarbantia (Sopron) zum Donauübergang bei Carnuntum. Entlang dieser Strecke konzentrierten sich die römischen Truppen zunächst noch bis über die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. hinaus. Der Sitz des Statthalters, also des legatus Augusti pro praetore, und gleichzeitig Legionsstandort noch bis gegen Ende des 1. Jahrhunderts war Poetovio an der Drau, also ebenso wie Virunum weit entfernt von der langsam sich konstituierenden Donaugrenze im Norden.

Die früheste im niederösterreichischen Raum nachweisbare Legion war aber die legio XV Apollinaris, also die 15. Legion, die spätestens ab claudischer Zeit, also ca. ab 40 n. Chr. ihren Standort in Carnuntum bezogen hatte. Die wichtigste Quelle zum Nachweis ihrer Existenz in Carnuntum sind mehr als 120 Grabdenkmäler, die in ihren Inschriften Namen, Funktion, Herkunft, Dienstzeit, Alter und Angehörige der jeweiligen Legionssoldaten nennen.

Aus diesen Informationen lässt sich ein lebendiges Bild vom Dasein der Soldaten, Veteranen, ihrer Angehörigen und Sklaven an einem Legionsstandort wie Carnuntum zeichnen, zumal vor allem während des 1. Jahrhunderts diese Soldaten in oft weit entfernten Gegenden des römischen Reiches rekrutiert wurden.

Diese schon sehr frühe multikulturelle Gesellschaft ist zusätzlich noch durch die Teilnahme der 15. Legion am jüdischen Krieg in den Jahren 66 bis 71 n. Chr. bereichert worden. Nach der Einnahme Jerusalems – vor der Rückkehr der Legion nach Carnuntum – fanden in syrischen Städten unter der Führung des späteren Kaisers Titus Rekrutierungen zur Ergänzung der Kriegsverluste statt.

Diese im Jahr 71 in die 15. Legion aufgenommenen Soldaten sind auf 15 Grabsteinen in Carnuntum nachgewiesen, sie zeigen Herkunftsangaben wie Berytus (Beirut), Antiochia, Chalcis, Cyrrhus oder Hierapolis. Andere Herkunftsgebiete von Soldaten in Carnuntum sind zum Beispiel die gallischen Städte Lugdunum und Arelate oder Thessalonica und Philippi in Makedonien und sehr zahlreich die Städte des oberitalischen Raumes wie Cremona, Verona oder Mediolanum (Mailand). Erst am Ende des 1. bzw. zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. beginnt man die Soldaten aus der Provinz bzw. aus der Nachbarprovinz des Legionsstandortes zu rekrutieren. Dies hat in erster Linie damit zu tun, dass Legionssoldaten römische Bürger sein mussten und erst zu diesem Zeitpunkt war die Romanisierung der Provinzen durch Schaffung von Kolonien so weit fortgeschritten, dass genügend Nachwuchs den Legionen zur Verfügung stand.

Kriegerische Ereignisse am niederösterreichischen Donauabschnitt sind während des 1. und der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts kaum nachzuweisen. Am ehesten dürfte der pannonische Abschnitt von den recht verlustreichen Germanenkriegen des Domitian in den Jahren 89 bis 92 n. Chr. betroffen gewesen sein. Folgewirkung dieser Ereignisse waren die Gründung des Legionslagers Vindobona im Bereich der heutigen Wiener Innenstadt durch die aus Poetovio abgezogene 13. Legion sowie eine Verstärkung des gesamten pannonischen Donauabschnittes durch zahlreiche Lager und Kastelle.

In diesem Zusammenhang sei hier auch das soeben fertig gestellte digitale Modell des antiken Vindobona erwähnt. Das unter wissenschaftlicher Beratung mit der Stadtarchäologie Wien von der Firma Digital-Graphics rekonstruierte Legionslager mit den umliegenden Siedlungsgebieten ist auf ein digitales Höhenmodell gesetzt worden, das im Rahmen eines interdisziplinären Projektes entstanden ist und die Geländesituation im antiken Wien nach wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen wiedergibt.

Das Modell zeigt in diesem Zusammenhang sehr gut die städtische Struktur einer römischen Garnisonsstadt am Donaulimes, wie zum Beispiel an den Legionsstandorten Carnuntum, Vindobona und Lauriacum, wobei das rechteckig rekonstruierte Legionslager von Vindobona in etwa den selben Flächeninhalt wie jenes von Albing hat, also mit Albing als das größte am österreichischen Limes bezeichnet werden kann.

Doch zurück zur historischen Entwicklung an der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr.: Noch mehr als die Germanen machten den Römern zu diesem Zeitpunkt die Daker an der unteren Donau zu schaffen. Vor allem die Dakerkriege unter Kaiser Trajan bewirkten ständige Truppenverschiebungen, doch spätestens am Ende der Regierungszeit Trajans in den Jahren zwischen 114 und 118 n. Chr. erfolgten Standortwechsel in den pannonischen Legionslagern, die schließlich bis in die Spätantike bestehen bleiben sollten.

Die schon am Ende des 1. Jahrhunderts aus Mainz nach Pannonien verlegte 14. Legion erhielt ihren endgültigen Aufenthaltsort in Carnuntum. Die 10. Legion, die einige Jahre während des Orientaufenthaltes der 15. Legion diese in Carnuntum vertreten hatte, erhielt nach zahlreichen anderen Stationen das Legionslager Vindobona als ihren endgültigen Garnisonsort.

Spätestens unter Kaiser Trajan, als Pannonien in die Provinzen Pannonia Superior und Inferior geteilt wird, ist Carnuntum nicht nur gemeinsam mit Vindobona und Brigetio Legionsstandort, sondern auch Sitz des Provinzstatthalters der Pannonia Superior.

In Noricum werden allmählich im Lauf der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Truppenstandorte der Alen und Kohorten an die Donau verlegt. Zuvor dürften Einheiten noch im Inneren der Provinz stationiert gewesen sein. So wird eine cohors I Montanorum in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts am Magdalensberg angenommen. Einige dieser Truppenbezeichnungen, die später in allen Teilen des Römischen Reiches auftauchen, deuten auf eine ursprüngliche Aufstellung römischer Hilfstruppen im alpinen bzw. norischen Raum hin – wie eben verschiedene cohortes montanorum oder sowohl eine ala als auch eine cohors I Noricorum sowie eine Reihe von cohortes Alpinorum. Diese setzten sich zunächst aus Angehörigen der Bevölkerung der Provinz ohne Bürgerrecht zusammen.

In den Bürgerkriegen im so genannten Vierkaiserjahr 69 n. Chr. stellte sich der norische Prokurator Petronius Urbicus gemeinsam mit dem pannonischen Statthalter Tampius Flavianus auf die Seite des nur kurz an der Macht befindlichen Kaisers Otho. Als Caecina Alienus von dem von den Rheinlegionen ausgerufenen Gegenkaiser Vitellius mit einem 70 000 Mann starken Heer nach Italien geschickt wurde, stellte der norische Prokurator seine Auxiliar-truppen am Inn auf, nachdem er die Brücken über den Inn einreißen ließ. Tacitus überliefert in diesem Zusammenhang für Noricum neun Auxiliareinheiten, davon acht Kohorten und die namentlich genannte Reitertruppe der ala Auriana. Bevor es allerdings zu Kampfhandlungen kam, setzte Caecina den Weg mit seinem Heer nach Italien fort. Die meisten der bei Tacitus genannten Truppen dürften ihre Kastelle noch nicht an der Donau postiert gehabt haben.

Die Errichtungszeiten der Donaukastelle am norischen Limes sind nur sehr schwer archäologisch und historisch genauer einzugrenzen. Stefan Groh versuchte in der neuesten Publikation zum Kastell Mautern über eine differenzierte Analyse der Münzverteilung durch die Prozentanteile von Aesmünzen am jeweiligen Kastellort zumindest zu einer relativen Chronologie zu gelangen. Dabei scheint vor allem das Kastell Traismauer als früheste Gründung auf und könnte theoretisch während der Ereignisse des Vier-Kaiserjahres 69 n. Chr. schon bestanden haben. Etwas später folgen dann die Truppenstandorte Linz und Mautern, aber auch das pannonische Auxiliarkastell Carnuntum, das wohl bald nach der Rückkehr der 15. Legion aus dem Orient erbaut worden war.

Spätestens unter Kaiser Trajan, zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr., sind dann allerdings – bis auf Mauer an der Url und dem Legionslager Albing – alle bekannten niederösterreichischen Donaukastelle von 500 oder 1000 Mann starken Einheiten (cohortes oder alae quingenariae oder milliariae) besetzt. Dazu gehören im norischen Abschnitt die Kastelle in Wallsee, in Pöchlarn (Arelape), dessen südöstliche Lagerecke im letzten Jahr vom Bundesdenkmalamt aufgedeckt werden konnte, das archäologisch ausgezeichnet dokumentierte Kastell Mautern (Favianis) sowie die Lager von Traismauer (Augustiana), Zwentendorf (Asturis), Tulln (Comagenis) und Zeiselmauer.

In Pannonien reihen sich dazu die Truppenstandorte ~ Klosterneuburg, Wien (Vindobona), Schwechat (Ala Nova), Fischamend (Aequinoctium) und Carnuntum. Zunächst handelt es sich dabei um so genannte Holz-Erde-Kastelle, die aber bis zum 2. Jahrhundert nach und nach in Steinkastelle umgebaut werden.

Reiter und Fußsoldaten, Veteranen und die Angehörigen der diversen Truppen sind in vielen Fällen inschriftlich durch Militärdiplome, Weihungen, Bauinschriften und Grabsteine am niederösterreichischen Donaulimes nachzuweisen.

Als Beispiele seien hier die cohors I Flavia Brittonum in Pöchlarn, die ala I Augusta Thracum in Traismauer oder der Familiengrabstein eines Veteranen der cohors I aelia sagittaria in Klostemeuburg angeführt. Zuletzt belegte aber auch jene nun schon oft erwähnte im Jahr 2000 gefundene Bauinschrift von der porta principalis dextra von Tulln die Anwesenheit der ala I Commagenorum in Tulln-Commagene für das Jahr 104 n. Chr.

Die verlässlichste Quelle, die einzelnen in den Kastellen stationierten Truppen zu erfassen, bilden aber die so genannten Militärdiplome. Funktion und Inhalt sollen hier kurz erläutert werden. Ein Militärdiplom besteht aus zwei dünnen Bronzetafeln, die gelegentlich durch Gelenkringe miteinander verbunden waren. Den Text, der im Diplom ausgeführten Konstitution gravierte der Schreiber auf die Innenseiten der beiden Tafeln, danach wurden sie zusammengelegt, durch einen Drahtverschluss verbunden und auf der Außenseite der zweiten Tafel versiegelt. Auf der Außenseite ist der Text der Innenseite der ersten Tafel wiederholt, auf der zweiten ist die Liste der sieben Zeugen eingraviert. Es handelt sich dabei um eine Urkunde für einen Auxiliarsoldaten, in der ihm seine Privilegien nach der Entlassung aus dem Militärdienst garantiert werden. Der Text einer derartigen Urkunde beginnt mit der Kaisertitulatur. Es folgen die Alen und Kohorten der privilegierten Soldaten einer Provinz, die in einer bestimmten Liste erfasst wurden.

Diese Liste ist von den Vorgesetzten der Soldaten, die dem Statthalter der jeweiligen Provinz unterstanden, in die kaiserliche Kanzlei nach Rom gesandt worden, wo je eine Konstitution pro Liste angefertigt wurde. Diese Konstitutionen sind im Zentrum der Stadt Rom zwischen 52 und 88 n. Chr. auf dem Kapitol und spätestens ab 91 n. Chr. auf einer Mauer eines Tempels hinter dem Augustustempel (novum templum Divi Augusti) veröffentlicht worden. Der Hilfstruppenveteran kannte sich eine beglaubigte Abschrift der Konstitution ausstellen lassen – eben das Militärdiplom – das ein Beleg für seine Privilegien war.

Im Text des Diploms folgt nach der Auflistung der Truppen die Stationierungsprovinz, deren Statthalter und danach die zu erhaltenden Privilegien der Soldaten: Dazu gehören die Verleihung des Bürgerrechtes und das Recht eine Nichtrömerin staatlich anerkannt heiraten zu dürfen bzw. eine bereits bestehende Ehe zu legitimieren, das so genannte conubium. Nach den Privilegien folgt in den Militärdiplomen das Datum ihrer Erstellung mit Angabe der Konsuln, die jeweils eine exakte Datierung ermöglichen. Schließlich folgen noch die Angaben zum individuellen Empfänger des Diploms mit seiner Einheit und deren Kommandanten sowie gegebenenfalls auch dessen Frau und Kinder. Diese letzten Angaben scheinen allerdings nur in den Abschriften, nicht in der Originalkonstitution in Rom auf.

Die Auflistung der Truppen der Stationierungsprovinz erfolgt einerseits nach der Wertigkeit der Truppen, an erster Stelle stehen dabei die 1000 Mann starken Reitereinheiten, andererseits werden diese innerhalb dieser Wertigkeit topographisch geordnet, wodurch, in Kombination mit anderen archäologischen und epigraphischen Evidenzen, eine Zuordnung einer bestimmten Auxiliareinheit zu einem bestimmten Truppenstandort ermöglicht wird.

Hansjörg Ubl hat schon in den 70er Jahren eine Liste der Lager und Truppen am norischen Limes angefertigt, Barnabas Lörincz publizierte vor drei Jahren die römischen Hilfstruppen Pannoniens, beide Arbeiten bieten dazu also einen raschen Überblick. So sind auf niederösterreichischem Gebiet mit Traismauer, Tulln und Carnuntum archäologisch wie epigraphisch drei Reiterkastelle für 500 Mann starke Alen belegt. Bei den übrigen handelt es sich um Infanteriekohorten, wobei jene in Zeiselmauer und Klosterneuburg gemischte Reiter- und Fußtruppeneinheiten – so genannte cohortes equitatae – waren. Die Lager in Mautern und Klosterneuburg beherbergten zumindest ab einem bestimmten Zeitpunkt 1000 Mann starke Milliaria-Einheiten, dazu muss in Carnuntum ein bisher noch nicht entdecktes, ebenfalls für 1000 Mann konzipiertes Kastell für die cohors I gaesatorum existiert haben.

Einschneidende Veränderungen für die Truppengeschichte am niederösterreichischen Donaulimes brachten die Markomannenkriege von 166 bis 180 n. Chr. Kurzfristig sind zwei weitere Reitertruppen, die ala Antoniana und die ala celerum nach Noricum versetzt worden. In den niederösterreichischen Kastellorten sind nach dem derzeitigen Forschungsstand kaum Zerstörungen infolge der Kriegsereignisse archäologisch nachweisbar, auch wenn aus den antiken Quellen Plünderungen durch germanische Stämme in den Donauprovinzen Rätien, Noricum und Pannonien nach dem Durchbruch der Germanen bis in den oberitalischen Raum belegt sind. Marc Aurel, der im Lauf des Krieges sein Hauptquartier nach Carnuntum verlegte, erreichte mit Gegenoffensiven ein Vordringen römischer Truppen bis tief in heutiges mährisches Gebiet.

Wie im Rahmen des Symposions „Die Römer in Niederösterreich“ schon einige Male erwähnt, sind über Luftbildauswerfung und archäologische Befunde neben dem bekannten römischen Stützpunkt Musov in Mähren auch auf niederösterreichischem Gebiet im Wald- und Weinviertel eine Reihe von kurzfristig besetzten Marschlagern und Befestigungsanlagen aus der Zeit der Markomannenkriege bekannt, wie zum Beispiel in Plank am Kamp, in Stillfried, Engelhartstetten, Kollnbrunn und Bernhardsthal. Klara Kuzmova stellte auch die bekannte Weihinschrift im slowakischen Trencin, 120 km nördlich des pannonischen Limes vor, die die Anwesenheit von 855 Soldaten der legio II adiutrix im Winter 179 bis 180 n. Chr. belegt. Nach dem Tode Marc Aurels schloss sein Nachfolger Commodus Frieden mit den Germanen und die Pläne einer Einverleibung der Gebiete nördlich der Donau in das Römische Reich werden endgültig ad acta gelegt. Im Friedensvertrag mit den Markomannen und Quaden wird den Germanenstämmen untersagt, in einem 8 km breiten Streifen entlang des nördlichen Donauufers zu siedeln.

Weitere Konsequenz des Krieges ist, dass in Folge der Auseinandersetzungen mit den Markomannen auch Noricum zunächst in Albing und danach mit dem Stationierungsort Lauriacum (Enns) mit einer Legion, der legio II Italica, besetzt wird. Noricum wird also ab dem Ende des 2. Jahrhunderts wie Pannonien eine senatorische Provinz. Spätestens nach den traumatischen Erfahrungen, die der Einfall der Germanenstämme bei den Römern hinterlassen hat, beginnt man Kastelle und Legionslager konsequent mit Gebäuden in Steinbauweise auszustatten. Es sind also eher die bautechnischen Konsequenzen nach den Kriegsereignissen als die Kriegsereignisse selbst, die archäologisch zum Beispiel in den Kastellen und Lagern von Mautern, Vindobona und Carnuntum nachzuweisen sind.

Unter den nachfolgenden severischen Kaisern ist eine gewisse Blütezeit am norisch-pannonischen Limes festzustellen, in diese Epoche fällt auch der Weihestein für Caracalla aus dem Jahr 212 n. Chr. von Angehörigen der drei oberpannonischen Legionen – der 10. aus Vindobona, der 14. aus Carnuntum und der I Adiutrix aus Brigetio -, ehe dann die innen- und außenpolitischen Krisen ab der Mitte des 3. Jahrhunderts beinahe den völligen wirtschaftlichen und militärischen Zusammenbruch im Donaugebiet zur Folge hatten.

Konsequenz aus diesen Ereignissen waren jene schon unter Gallienus in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts vorbereiteten und von Diokletian und Konstantin zu Beginn des 4. Jahrhunderts umgesetzten Militär- und Verwaltungsreformen. Diese sahen die Schaffung von kleineren beweglichen Truppeneinheiten im Hinterland vor, die so genannten comitatenses, welche die nach wie vor in den Kastellen stationierten, aber ebenfalls reduzierten Grenztruppen, die so genannten limitanei, bei Bedarf zu unterstützen hatten. Die Verwaltungsreformen hatten Provinzteilungen zur Folge und für den niederösterreichischen Donauraum erstmals eine gemeinsame militärische Führung unter einem so genannten dux der beiden Provinzen Noricum ripense und Pannonia prima. Die Limitantruppen, die in den jeweiliger Kastellen stationiert waren, sind uns aus einem spätrömischen Ämterverzeichnis überliefert, der so genannter Notitia dignitatum vom Ende des 4. Jahrhunderts – einer Quelle, die neben der Tabula Peutingeriana die Namen der römischen Kastelle an der Donau am zuverlässigsten überliefert hat. Die alten Alen- und Kohortennamen verschwinden großteils zu diesem Zeitpunkt und die stark reduzierter Legionsbesatzungen werden auf verschiedene Kastelle verteilt. Neue Spezialtruppen und Flottenverbände entstehen und Mautern erhält mit der  legio I Noricorum erstmals eine Legionsbesatzung.

Diese Maßnahmen hatten auch Konsequenzen auf die Architektur der Lager und Kastelle – Konsequenzen, die das Erscheinungsbild des niederösterreichischen Donaulimes in Form der hufeisen- und fächerförmigen Turmanlagen bis heute geprägt haben. So sind neben den jüngst aufgedeckten Fundamenten der Hufeisen- und Fächertürme von Pöchlarn, vor allem die zum Teil meterhoch erhaltenen und adaptierten Turmanlagen von Mautern, Traismauer und Tulln monumentale Zeugnisse dieser spätrömischen Epoche. Doch auch die Lager von Zwentendorf und Zeiselmauer zeigen in ihrer spätrömischen Phase diese vor die Flucht der Lagermauer gesetzten Turmanlagen. Die Kastelle und Lager dieser Zeit erleben insofern einen Bedeutungswandel, indem sie eher als befestigte Siedlungen mit Militärbesatzung zu beschreiben sind, in welchen auch große Teile der Zivilbevölkerung in diesen recht unsicheren Zeiten Schutz finden. In einigen dieser Befestigungsanlagen sind die militärischen Einheiten auf einen baulich abgegrenzten Bereich – meist in einer Kastellecke – in einem so genannten Restkastell untergebracht. Ein letztes größeres Bauprogramm zur militärischen Sicherung wurde am Donaulimes unter Kaiser Valentinian in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts durchgeführt, in dem Kastelle weiter verstärkt wurden und an den Verbindungsstraßen so genannte burgi errichtet wurden, also Kleinkastelle mit quadratischem Grundriss, zweigeschossigem Aufbau mit Räumen für eine Wachtruppe und zur Vorratshaltung. Bekannte burgi in Niederösterreich sind vor allem jene sehr gut erhaltenen in Bacharnsdorf in der Wachau und in Zeiselmauer.

Vor allem gestempelte Ziegel des Ursicinus dux bzw. des Ursicinus magister, aber auch zwei Bauinschriften aus dem Legionslager Carnuntum und dem burgus von Ybbs belegen am gesamten niederösterreichischen Limes und darüber hinaus die Bautätigkeit dieser Epoche, ehe zum Beginn des 5. Jahrhunderts der allmähliche gesellschaftliche Niedergang einhergehend mit dem Verfall der militärischen Anlagen erfolgte.

15.03.2007